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Unlängst war Hans Joas zu Gast in Graz; der bedeutendste Soziologe im deutschen Sprachraum. Beim Symposium über „Franz von Assisi für die Welt von heute“ im Grazer Meerscheinschlössl outete er sich nicht nur als großer Fan des Poverello – „ich lese alles über ihn“, so Joas – sondern eröffnete eine Vision für eine bessere Welt. Unter dem Titel „Ethos des moralischen Universalismus“ plädierte er für das Streben nach einem guten Leben für alle Menschen. Das nüchterne Fazit: Wir waren schon näher dran als heute.
Joas Vision geht von einem Ethos aus, das auf das Wohl aller Menschen abzielt. „Wir sind nicht den Nahestehenden verpflichtet, der Familie, der Sippe, dem eigenen Volk, dem eigenen Staat“, so der Soziologe, „wir sind verpflichtet zur Wahrung der Schöpfung, sodass sich keine Generation ‚letzte Generation‘ nennen muss.“ Die Ursprünge für dieses Denken liegen weit zurück, etwa in der jüdisch-christlichen Tradition. Ein Aufleben gab es in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, jedoch immer mit Einschränkungen. Joas verweist auf die Sklaverei, die sowohl im frühen Christentum als auch in der Aufklärung legitim war. Überhaupt sei das Menschheitsethos immer umstritten, so Joas, heute und in der Geschichte. Die Nationalsozialisten etwa hätten die „Humanitätsduselei“ verunglimpft zugunsten der eigenen Rasse, was letztlich zu einer Überwindung des Mitleids und enormer Grausamkeit geführt habe.
Das Bild der „einen Menschheit“ gab es nicht von Anfang an. Es beginnt dort, wo Stämme zu Staaten wurden und die Vision einer Weltherrschaft durch Ausdehnung des Territoriums und durch Unterwerfung entstand. Joas verweist auf das Imperium Romanum oder das großchinesische Reich. Dies sei jedoch kein moralischer Universalismus, selbst wenn die Eroberung mit dem Heil der Eroberten begründet werde, sondern purer Imperialismus am Weg zur Weltherrschaft. Joas nennt dazu den Kommunismus, der sich militärisch ausbreitete zur Rettung der Arbeiterklasse, und die USA in ihrer Einmischung ins Weltgeschehen.
Der Weltherrschaft widersetzt habe sich Jesus, als ihm Satan diese angeboten habe. Und auch Philosophen im antiken Judentum, in Griechenland, in Indien oder China entwickelten einen „antiimperialen Furor“. Auch der Buddhismus und der Konfuzianismus basieren auf einem moralischen Universalismus ohne imperiales Interesse. Es gab immer schon beides – das Streben nach Weltherrschaft und das Streben nach dem universellen Wohl. Nach dem zweiten Weltkrieg war letzteres hoch; und ist dank des neuen Despotismus durch Valdimir Putin und Donald Trump derzeit massiv unter Druck.
Derzeit schlagen die Imperien und vor allem Russland und die USA zurück. Als maximale Gefahr im imperialen Machtstreben sieht Joas die Auslöschung der Menschheit durch einen Atomkrieg oder dadurch, dass die Menschheit aus ökologischen Gründen die Erde nicht mehr bewohnen kann. Das universelle Wohl sieht Joas auch dort gefährdet, wo der Mensch an sich in Frage gestellt werde. Wenn etwa gesagt werde, ein Schlachthof erschüttere mehr als Auschwitz und die Ausbeutung der Tiere sei eine andere Form des Holocaust, sei das grundlegend falsch, denn der Mensch sei eben kein Tier. Gleichzeitig aber sei der Mensch gefordert, über die eigene Gattung hinaus ethisch zu handeln. „Da können die Christen vom Buddhismus lernen mit seinem hohen Ethos in Bezug auf die Mitgeschöpfe“, so der Soziologe.
In der Gegenwart sieht Joas ein gesteigertes Eigeninteresse und starke imperialistische Tendenzen. Das Großmachtstreben, das historisch überwunden schien, etwa durch die Gründung der UNO oder der EU, die das allgemeine Wohl im Fokus hatten, scheint heute wieder modern zu sein. Hoffnung macht dem Wissenschafter die Selbstreflexion des Menschen und die eigenen „Regeln der Fairness“, die schon Kinder erkennen, wie sie am Spielplatz untereinander sind.
Thomas Stanzer
Hans Joas (*1948 in München) ist ein deutscher Soziologe und Sozialphilosoph. Er zählt zu den bedeutendsten Sozialtheoretikern der Gegenwart und beschäftigt sich mit Religionssoziologie, Werteforschung, Menschenrechten sowie dem Verhältnis von Religion und Moderne. Joas lehrte an der University of Chicago und der Humboldt-Universität zu Berlin. Bekannt wurde er durch Arbeiten über die „Sakralität der Person“ und über die Entstehung von Werten.