Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Was macht eine Gesellschaft wohlhabend? Reichen Wirtschaftswachstum, Produktivität und Einkommen aus, um Wohlstand zu sichern? Und welche Rolle spielen soziale Absicherung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und persönliche Lebensqualität? Diese Fragen standen am 13. Oktober beim ersten „Balanceakt Wohlstand – Wovon leben wir 2050?“ im Minoritenzentrum Graz im Mittelpunkt. Die Veranstaltung beleuchtete die wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Grundlagen unseres künftigen Wohlstands.
„Eine Gesellschaft sichert ihren Wohlstand nicht allein dadurch, dass sie mehr erwirtschaftet, sondern auch dadurch, dass sie gemeinsam handlungsfähig bleibt“, betonte Lukas Grangl, Diözesandirektor der Katholischen Kirche Steiermark, zur Eröffnung. Einkommen, Produktivität und Beschäftigung seien wichtige Wohlstandsindikatoren, erzählten jedoch nicht die ganze Geschichte. Ebenso wesentlich seien Gesundheit, Bildung, soziale Sicherheit, gesellschaftliche Teilhabe, intakte natürliche Lebensgrundlagen und die Aussicht, dass ihre Anstrengungen einen Sinn haben.
Franz Prettenthaler, Direktor von LIFE – Institut für Klima, Energiesysteme und Gesellschaft der JOANNEUM RESEARCH, beleuchtete die Bedeutung von Wohlstand und die Rolle des Wohlfahrtsstaates. „Die relevanten Wünsche und Lebensziele des Einzelnen sind die, die zählen“, erklärte er mit Blick auf die philosophischen Grundlagen der liberalen Wohlstandsgesellschaft und verwies auch auf die Grenzen individueller Entscheidungen: „Wir Menschen sind nicht sehr gut darin, Risiken gut einzuschätzen. Und wenn wir keine verpflichtende Arbeitslosenversicherung hätten, keine verpflichtende Pensionsversicherung, dann hätten wir sehr viel Armut.“
Carmen Treml, Ökonomin bei Agenda Austria, verwies auf die wirtschaftlichen Herausforderungen Österreichs. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 55.700 Euro pro Kopf zählt Österreich zu den fünf wohlhabendsten Ländern der Europäischen Union. Allerdings stagnieren die Zahlen der Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig steigen die Sozialausgaben und die Verschuldung der Bundesländer. Treml sieht vor allem bei der Abgabenbelastung und den Arbeitsanreizen Handlungsbedarf: „Österreich macht es zu unattraktiv, Wohlstand überhaupt erst zu schaffen, weil Arbeit, Leistung und Investitionen zu stark besteuert werden. Die wichtigste Ressource einer Wohlstandsgesellschaft ist die Zuversicht, dass sich Anstrengung lohnt.“
Philipp Suppan von der Arbeiterkammer Steiermark stellte wiederum die Frage, ob der Wohlfahrtsstaat tatsächlich Wohlstand garantieren könne: 2025 waren in Österreich 15,9 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Besonders betroffen seien Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und alleinlebende Pensionist:innen. Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Notstandshilfe oder Ausgleichszulage lägen häufig unter der Armutsgefährdungsschwelle. Suppans Schlussfolgerung: „Wenn der Wohlfahrtsstaat auch im Jahr 2050 Wohlstand wahren soll, dann muss er sich heute der Bekämpfung von Armutsgefährdungspotenzialen widmen.“
Pater Gerwig Romirer, Prior des Benediktinerstiftes St. Lambrecht, erweiterte die Diskussion um die spirituelle und gesellschaftliche Dimension des Wohlstands. Unter dem Titel „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ beschrieb er Wohlstand mit drei Worten: „Gemeinsam gut leben.“ Materielle Sicherheit sei eine wichtige Grundlage, für ein erfülltes Leben brauche es jedoch mehr. „Was alles ist noch ein Lebensmittel für uns Menschen?“, fragte Romirer und verwies auf die Bedeutung von Sinn, Gemeinschaft und persönlichen Werten. Romirer hinterfragte auch eine Wirtschaftsweise, die auf ständigem Wachstum beruht: „Wie gehen wir damit um, wenn etwas nur zu funktionieren scheint, wenn es immer mehr wird?“
Wie sich Wohlstand im Alltag junger Menschen darstellt, verdeutlichte Andreas Paulitsch, Betriebsrat und Lehrlingsausbildner bei TDK Electronics in Deutschlandsberg. Sein persönliches Beispiel war der Wunsch nach einem Eigenheim, dessen Finanzierung mit einem durchschnittlichen Einkommen zunehmend schwierig werde. Für ihn seien Ausbildung, sichere Arbeitsplätze, faire Bezahlung und eine gesicherte Pension entscheidende Voraussetzungen, um auch 2050 gut leben zu können. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten stelle sich für junge Beschäftigte die Frage, welche Zukunftsperspektiven ihnen ihre Arbeit tatsächlich eröffne.
Quelle: JOANNEUM RESEARCH, Bearbeitung: Katrin Leinfellner
Das Diskussionsformat von JOANNEUM RESEARCH, der Katholischen Kirche Steiermark, der Universität Graz/Wegener Center und der Arbeiterkammer Steiermark widmet sich nach vier Veranstaltungen zum Thema Balanceakt CO₂ nun der Frage nach den Grundlagen und der Zukunft unseres Wohlstands.
Die Veranstaltungsreihe „Balanceakt Wohlstand“ setzt den Dialog über die Zukunft unserer Wohlstandsgesellschaft fort. Im nächsten Teil steht insbesondere die Frage der Verteilungsgerechtigkeit im Mittelpunkt.
Teil 2: 02. Februar 2027
„Verteilungsgerechtigkeit – früher | heute | morgen“
Beginn: 17:00 Uhr
Teil 3: 27. April 2027
„Europa, fürchte dich nicht!“
Beginn: 17:00 Uhr
Ort: Minoritenzentrum Graz
Mariahilferplatz 3, 8020 Graz