Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker,
es gibt Augenblicke in unserem Leben, die wir nicht vergessen, weil sie uns tief berührt haben. Oft sind diese Momente mit Musik verbunden: Ein Lied bei einer Hochzeit, ein Choral bei einer Beerdigung, das festliche Gloria in der Osternacht. Oder ein Psalm, der uns in einer schwierigen Zeit Trost geschenkt hat.
Musik hat die besondere Fähigkeit, etwas in uns zum Klingen zu bringen. Sie erreicht nicht nur unseren Verstand, sondern unser Herz. Sie vermag auszudrücken, wofür Worte manchmal nicht ausreichen. Gerade deshalb gehört Musik seit den Anfängen zum Glauben Israels und der Kirche. Menschen haben Gott nicht nur angebetet, indem sie von ihm gesprochen haben, sie haben ihm gesungen. Sie haben ihre Freude, ihre Dankbarkeit, ihre Hoffnung, aber auch ihre Klage und ihre Sehnsucht vor Gott gebracht.
Kirchenmusik ist deshalb weit mehr als eine schöne Umrahmung unserer Gottesdienste. Papst Leo XIV. hat vor wenigen Tagen daran erinnert, dass Kirchenmusik keine Dekoration der Liturgie ist. Sie gehört zum Wesen der Liturgie selbst. Sie ist Ausdruck des betenden Gottesvolkes und hilft uns, tiefer in das Geheimnis Gottes einzutreten. Kirchenmusik macht den Glauben hörbar und lässt etwas von Gottes Gegenwart erfahrbar werden.
Dass wir heute die 60. Kirchenmusikwoche hier in St. Lambrecht feiern, ist deshalb kein Zufall. Denn dieser Ort und die Kirchenmusik haben etwas Wesentliches gemeinsam. Beide leben aus der Suche nach Gott.
Das Stift St. Lambrecht feiert in diesem Jahr sein 950-jähriges Bestehen. Fast ein Jahrtausend lang haben Menschen an diesem Ort gebetet, gearbeitet, gehofft und geglaubt. Fast ein Jahrtausend lang ist hier Tag für Tag Gotteslob erklungen. Generationen von Mönchen haben ihr Leben unter ein Wort gestellt, das bis heute den Kern der benediktinischen Berufung beschreibt: Gott suchen.
„Gott, du mein Gott, dich suche ich.“ Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte dieses Hauses. Und er beschreibt zugleich das tiefste Wesen jeder echten Kirchenmusik.
Denn auch Kirchenmusik ist letztlich Ausdruck einer Suche. Natürlich braucht sie Können, Disziplin und Übung. Sie lebt von Talent, von Fleiß und von der Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln. Aber ihr eigentlicher Ursprung, so bin ich überzeugt, liegt tiefer: Kirchenmusik entsteht dort, wo Menschen Gott suchen und ihre Sehnsucht nach ihm zum Ausdruck bringen.
Vielleicht ist das der Grund, warum geistliche Musik Menschen oft so tief berührt. Weil sie aus einer Erfahrung kommt, die jeder Mensch kennt: aus der Sehnsucht nach Sinn, nach Heimat, nach Liebe und nach einem Leben, das über den Augenblick hinausreicht. Die großen Psalmen Israels, die gregorianischen Gesänge der Mönche, die Werke eines Bach oder Mozart, aber auch die Lieder unserer Gemeindegesänge erzählen letztlich von dieser Suche.
Gerade hier in St. Lambrecht wird das spürbar. Seit Jahrhunderten erklingt in diesen Mauern das tägliche Gotteslob. Die Musik war niemals Selbstzweck. Sie war immer Teil eines Lebens, das auf Gott ausgerichtet ist. Sie war Ausdruck einer Gemeinschaft, die miteinander Gott sucht und ihn lobt.
Wir leben in einer Welt voller Stimmen, voller echter oder „gefakter“ Nachrichten und voller Geräusche. Vieles fordert unsere Aufmerksamkeit, vieles zieht an uns. Nicht wenige Menschen erleben ihren Alltag als hektisch und zerrissen. Umso kostbarer sind Orte, an denen ein anderer Klang hörbar wird. Orte, an denen Menschen nicht nur funktionieren müssen, sondern zur Ruhe kommen können. Orte, an denen sie etwas von Gottes Gegenwart erahnen. Kirchenmusik kann solche Räume eröffnen. Sie kann Menschen helfen, still zu werden, sie kann Herzen öffnen, sie kann Hoffnung schenken. Sie kann einen Zugang zum Glauben ermöglichen, wo Worte allein vielleicht nicht mehr ausreichen.
Deshalb möchte ich Ihnen allen danken, die Sie sich in den Dienst der Kirchenmusik stellen. Sie leisten weit mehr als einen musikalischen Beitrag. Sie helfen Menschen zu beten. Sie tragen dazu bei, dass Liturgie lebendig wird. Sie schenken vielen Menschen Erfahrungen, die sie oft ein Leben lang begleiten. Vielleicht werden wir erst im Himmel ganz erkennen, wie viele Herzen durch einen Psalm, durch einen Chorsatz, durch ein Orgelspiel oder durch ein gemeinsam gesungenes Lied berührt wurden. Wie viele Menschen darin Trost gefunden haben. Wie viele dadurch einen neuen Zugang zu Gott entdeckt haben.
Liebe Schwestern und Brüder,
950 Jahre Stift St. Lambrecht erzählen von einer nie abgeschlossenen Suche nach Gott. 60 Jahre Kirchenmusikwoche erzählen von Menschen, die diese Suche mit ihrer Stimme, ihren Instrumenten und ihrer Kunst begleiten.
Möge diese Woche deshalb nicht nur eine Zeit musikalischer Weiterbildung sein. Möge sie vor allem eine Zeit geistlicher Vertiefung werden. Mögen wir neu entdecken, dass jede Kirchenmusik letztlich aus derselben Quelle lebt wie das monastische Leben selbst: aus der Sehnsucht nach Gott.
Amen.
+Johannes Freitag
Weihbischof & Generalvikar der Diözese Graz-Seckau
St. Lambrecht, am 3. September 2026