Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Liebe Schwestern, liebe Brüder und Schwestern!
Manchmal begegnen uns Menschen, bei denen wir spüren: Sie leben aus einer anderen Quelle. Nicht weil ihr Leben einfacher wäre oder sie keine Sorgen hätten, sondern weil etwas in ihnen ruht. Weil sie einen inneren Halt haben, der tiefer reicht als die wechselnden Umstände des Lebens.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Klöster Menschen bis heute faszinieren. Sie erinnern uns daran, dass das Leben mehr ist als Leistung, Termine, Erfolg. Sie erinnern uns daran, dass der Mensch eine Seele hat und dass diese Seele nach Gott sucht.
Wenn wir heute auf fünfzig Jahre Karmel in Bärnbach zurückblicken, dann feiern wir genau das: fünfzig Jahre Menschen, die ihr Leben ganz auf Christus ausgerichtet haben; Fünfzig Jahre Gebet, Gemeinschaft und Treue; Fünfzig Jahre gelebte Suche nach Gott.
Viele Menschen fragen sich vielleicht: Warum entscheidet sich jemand für ein Leben im Karmel? Warum ein Leben in Stille und Klausur? Warum ein Leben abseits all dessen, was modernes Leben im allgemeinen Verständnis „ausmacht“?
Die Antwort, so glaube ich, liegt nicht in dem, worauf die Schwestern verzichten, sondern in dem, was sie gefunden haben. Der Karmel lebt aus einer tiefen Überzeugung: Gott ist keine ferne Idee, sondern lebendige Wirklichkeit. Er möchte jedem Menschen nahe sein. Die großen Heiligen des Karmel haben immer wieder davon gesprochen, dass Gott im Innersten unseres Herzens wohnt und dort auf uns wartet. Nach dem leuchtenden Vorbild unserer Mutter Maria wissen auch die Schwestern des Karmel, Gott Raum zu geben. Nicht alles selbst machen zu müssen, sondern zu vertrauen, dass Gott wirkt.
Etwas, das ganz besonders im Leben der heiligen Thérèse von Lisieux (1873-1897) sichtbar wird. Sie hat keine großen Werke vollbracht, keine Länder bereist und keine berühmten Predigten gehalten. Ihr Weg war der „kleine Weg“: die kleinen Aufgaben des Alltags mit großer Liebe zu erfüllen. Thérèse erkannte, dass Heiligkeit nicht darin besteht, Außergewöhnliches zu leisten, sondern das Gewöhnliche aus Liebe zu tun. Damit schenkt sie auch uns eine befreiende Botschaft: Es geht nicht um „Erfolg“, sondern darum, die Liebe im eigenen Leben und dem Leben anderer sichtbar zu machen. Jeder Mensch ist zur Liebe berufen. Gerade in einer Welt, die oft Größe, Erfolg und Sichtbarkeit bewundert, erinnert uns Thérèse daran, dass Gott vor allem auf das Herz schaut. So wird auch das verborgene Leben des Karmel zu einem kraftvollen Zeugnis: Die Liebe, die im Verborgenen gelebt wird, kann die Welt verändern.
Das ist eine Botschaft, die weit über die Mauern eines Klosters hinausreicht. Denn viele Menschen erleben heute Druck, Unsicherheit und Rastlosigkeit. Wir definieren uns oft über das, was wir leisten. Der Karmel erinnert uns daran: Unser Wert hängt nicht von unserem Erfolg ab. Unser Wert liegt darin, dass wir von Gott geliebt sind.
Darum steht das Gebet im Mittelpunkt dieses Lebens, nicht als Flucht vor der Welt, sondern als ein Dasein vor Gott und gerade dadurch auch für die Welt. Wie viele Sorgen, Bitten und Hoffnungen wurden in den vergangenen fünfzig Jahren hier vor Gott getragen! Wie viele Menschen haben Trost gefunden, weil sie wussten: Hier betet jemand für mich. Liebe Schwestern, vielleicht werden wir erst in Gottes Ewigkeit erkennen, wie viel Trost, Hoffnung und Kraft durch Ihr verborgenes Zeugnis geschenkt worden ist. Vieles davon lässt sich nicht messen und nicht zählen. Aber – und darauf kommt es an! – es hat Menschen der Liebe Gottes anempfohlen und Wege des Glaubens offengehalten. Unsere Kirche und unsere Gesellschaft leben von solchen verborgenen Quellen.
Eine zweite Spur des Karmel ist die Stille. In einer Zeit, die immer lauter wird, erinnert uns der Karmel daran, dass die wichtigsten Dinge oft leise wachsen. Der Prophet Elija begegnete Gott nicht im Sturm und nicht im Feuer, sondern im sanften Säuseln des Windes. Gott drängt sich nicht auf, er wartet darauf, dass wir ihm Raum geben.
Liebe Schwestern, heute danken wir Ihnen für Ihr Zeugnis. Sie zeigen uns, dass ein Leben mit Gott ein Gewinn ist. Sie erinnern uns daran, dass das Herz des christlichen Lebens nicht Aktivität ist, sondern Beziehung: eine liebevolle Haltung und ein Einander-Zuwenden zu Gott, uns selbst und unseren Mitmenschen.
So ist dieses Jubiläum mehr als ein Blick zurück. Es ist ein Zeichen für unsere Zeit. Es erinnert uns alle an die Frage: Aus welcher Quelle lebe ich?
Der Karmel gibt darauf seit fünfzig Jahren in stiller Stärke dieselbe Antwort: Aus der Nähe Christi, aus der Freundschaft mit ihm, aus dem Vertrauen, dass seine Liebe trägt.
Möge dieser Heilige Berg auch in Zukunft ein Ort bleiben, an dem Menschen etwas von dieser Quelle entdecken: Ein Ort der Hoffnung. Ein Ort der Stille. Ein Ort, an dem Gottes Gegenwart spürbar wird. Und ein Ort, der uns immer neu daran erinnert: Wer Gott sucht, findet nicht weniger Leben, sondern Leben in Fülle.
Amen.
+Johannes Freitag
Weihbischof & Generalvikar der Diözese Graz-Seckau
Bärnbach, am 12. September 2026