Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
Es gibt viele Möglichkeiten, sich in der Kirche zu engagieren! Mehr Infos
Schulen, Kindergärten, Bildungshäuser und vieles mehr: Kirche ist ein wesentlicher Bildungsanbieter. mehr Infos
Liebe Kinder, schön, dass ihr da seid, begleitet von euch lieben Menschen! Liebe Jugendliche! Liebe Erwachsene! Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, verbunden im Herzen Jesu! Liebe Brüder auch im priesterlichen Dienst!
In den letzten acht Tagen haben drei Erfahrungen mein Herz berührt.
Die erste Erfahrung war gestern vor einer Woche, am vergangenen Samstag. Ich war eingeladen zu einer öffentlichen Diskussion mit Dr. Wolfgang Schüssel in die Stadtpfarrkirche Leoben. Da war ein österreichweiter Kongress, und Wolfgang Schüssel sagte am Beginn seines ersten Statements: „Es ist gewaltig, seit 81 Jahren schlägt mein Herz, seit 81 Jahren schlägt mein Herz ununterbrochen. Da soll mir noch jemand erklären, dass der Evolutionsgedanke, der Urknall und Schöpfung nicht geheimnisvoll miteinander verbunden sind.“
Auch diese unsere Welt, diese unsere Schöpfung verdankt sich einem ersten Herzschlag des unbewegten Bewegers, könnten wir sagen. Dem großen Geheimnis, das wir als Christinnen und Christen Gott nennen.
Herzschlag um Herzschlag, geschenktes Leben. Wenn das nicht ein Wunder ist?
Ein Erstes: Wenn wir uns dem Herz Jesu nähern, dann dürfen wir wohl auch staunen. Ja, dann müssen wir vielleicht das Staunen tagtäglich immer wieder neu lernen. Herzschlag um Herzschlag, Atemzug um Atemzug. Das Wunderwerk des Körpers bestaunen, dass wir es sind, dass wir heute aufwachen durften, dass der Atemzug Leben ist, eine Gabe, die uns immer neu und tagtäglich zur Aufgabe wird. Dürfen wir aber auch, wie beim heutigen Weg hierher ins Heiligtum, das Geheimnis des Lebens betrachten, indem Gott zu uns spricht.
Gott spricht zu uns in seinem Wort, im Wort der Heiligen Schrift, Sonntag für Sonntag und vielleicht tagtäglich. Aber Gottes Wort spricht ebenso unüberhörbar in seiner Schöpfung. Auch sie ist geheimnisvoll geordnet im Werden und Vergehen, im Empfangen und Verschenken. Atemzug für Atemzug.
Ein Erstes also: Wenn wir an das Herz Jesu denken, dann denken wir daran, dass dieses Herz in Liebe unser eigenes Herz bewegt und schlagen lässt. Werden wir hingeführt am heutigen Herz-Jesu-Sonntag in diese Haltung der Dankbarkeit für das Empfangen.
In eine Haltung der Dankbarkeit für die Gabe des Lebens, die uns immer auch motiviert, in vielen Aufgaben diese ernsthafte Freude am Leben immer wieder anzunehmen, unsere Zeit nicht zu vergeuden, sondern Atemzug für Atemzug aus diesem großen Geheimnis des Herzens Gottes zu leben. Denn das Herz steht für das Geheimnis selbst. Für diesen Lebens- und Glaubensimpuls.
Ein Zweites, was mich bewegt hat: Gestern bei der letzten Firmung in diesen pfingstlichen Tagen in der Graben-Pfarre Graz, auf die Frage an die Jugendlichen: „Wo ist die Seele?“, haben zwei sofort gesagt: im Herzen. Das Fühlen des Menschen, unser seelisches Gleichgewicht, ist vielleicht wirklich im Herzen verortet. In diesem Lebenspuls, der uns immer wieder als liebensfähige Menschen auszeichnet. Wenn die Dankbarkeit für ein schlagendes Herz immer wieder auch verbunden wird mit jener Liebe, die uns liebensfähig macht. Wenn das Herz sich öffnet im Glauben für Gott und Mitmenschen.
Wenn das Herz einfühlsam wird, wenn wir uns einfühlen können, wie es dem Menschen mir gegenüber oder dem Menschen, der mir am nächsten ist, geht. Wenn wir einfühlsam sein können für das, was unsere Kinder brauchen, wonach unsere Jugendlichen suchen, wo Menschen Halt brauchen in der Mitte des Lebens, in all den Herausforderungen, wie sie in dem vielen Aufdringlichen das Dringliche erkennen und im vielen Wichtigen das Notwendige herausfiltern können. Wenn es Einfühlungsvermögen gibt, manchmal auch in der Mühe des Alters, in der Gebrechlichkeit des Leibes.
All das hat mit unserem Herzen und mit dem sich in uns offenbarenden Herzen Jesu zu tun, in den Werken unserer Liebe. Dann, wenn Gottes Liebe durch uns Hand und Fuß bekommt und ein menschliches Antlitz inmitten unserer Welt. Ja, das Herz hat viel mit der Seele zu tun, viel damit zu tun, dass wir uns hineinfühlen können in Gottes Geheimnis und in das Geheimnis des je eigenen Lebens.
Dieses Herz als Heiligtum, in dem Gott wohnt, in dem unsere Seele so verortet sein kann, wie die jungen Menschen es vermutet haben. Wenn Empathie und Mitgefühl nicht verloren gehen, wenn wir liebensfähig bleiben und Einfühlungsvermögen unsere Begegnungen im Alltag und in dieser Stunde prägen. Wenn wir kurz innehalten und bedenken, rechts und links von mir ist das Geheimnis eines Lebens. Ein Mensch mit all dem, was ihn heute ohne viele Worte bewegt, was in seinem Herzen da ist – Empathie. Das Herz ist oft der Ort, der die liebevolle Sprache in dieser Welt fördert, ohne viele Worte.
Das Dritte und Letzte, was mein Herz bewegt hat: gestern Abend, am Abend in die Stadt zu schauen vom Schlossberg aus und berührt zu sein von dieser besonderen Kirche, von diesem Heiligtum, von der Herz-Jesu-Kirche, die errichtet worden ist, nicht vor so allzu langer Zeit, wie man vermuten würde. Die Herz-Jesu-Kirche ist wohl der stärkste Orientierungspunkt unserer Stadt. Ein ganz klarer Wegweiser nach oben.
Die Herz-Jesu-Kirche verweist tags und nachts, bis 22 Uhr sichtbar, ganz geradlinig nach oben. Sie hilft allen Menschen, die suchen, sich auszurichten. Nicht nach unten auf das Unmittelbare zu schauen, auf das, was uns umgibt, das uns manchmal Sorgen macht, manchmal auch ängstigt.
Die Herz-Jesu-Kirche ist die Einladung, sich aufzurichten aus dieser Tiefe heraus, die es dem Anfang verdankt, den Blick zu weiten auf das Ganze und Größere der Geschichte dieser Welt. Den Blick zu weiten auf das Große und Ganze des eigenen Lebens und des Gemeinsamen. Den Blick zu weiten und manchmal wirklich bewusst zu wissen: Mein Blick ist nicht der Blick und meine Welt ist nicht die Welt.
Sie möchte sich liebevoll verbinden mit anderen im Namen Gottes. Die Herz-Jesu-Kirche als stärkster Orientierungspunkt unserer Stadt. Sie verweist nach oben, sie hilft uns, uns auszurichten. Sie lädt ein, den Blick zu weiten auf das größere Ganze dieser Welt, in dem Gott seine Mitte hat und wir uns immer neu, wie in dieser Stunde, um ihn versammeln. Diese Kirche, wie jede, aber ganz besonders durch ihre sichtbare Präsenz, lädt ein, hier einzukehren, wenn wir Menschen außer uns sind.
Wenn ich außer mir bin, dann beginnt das Gebet. Im doppelten Sinne außer sich sein. Wir kennen das aus dem Leben. Aber wenn wir außer uns sind, wenn ich außer mir bin, mit all dem, was Grund dafür sein mag, dann ist diese Kirche weit geöffnet, um diesem Außer-sich-Sein Raum zu geben, Geborgenheit zu schenken, Beheimatung zu ermöglichen.
Und diese Herz-Jesu-Kirche ist für uns auch vielleicht die Erinnerung daran, wie viele Menschen im Geheimnis der Liebe über sich hinauswachsen.
Denken wir an die Liebe einer Mama, eines Papas. Denken wir an die Liebe der Kinder in der Pflege ihrer Eltern. Mein Vater ist auch seit einem Monat im Pflegeheim, und immer wieder da zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Geheimnis der Liebe lässt sich der Mensch, der wirklich Mensch sein möchte in dieser großen Einheit von Körper, Seele und Geist, immer wieder einladen, über sich in seinem Menschsein hinauszuwachsen. Wie diese Kirche inmitten der Stadtsilhouette, inmitten dieser Stadt scheinbar sich erhebt, aber nicht, um drüber zu stehen, sondern um ein Brückenpfeiler zu sein zwischen Erde und Himmel.
Um daran zu erinnern, sich immer wieder aufzurichten aus all der Enge, den Blick zu weiten im Vertrauen auf Gott und die vielen guten Ansätze eines schlagenden, liebevollen Herzens in dieser Welt, lässt diese Kirche uns immer wieder ein Ort sein, wenn wir außer uns sind, wenn ich außer mir bin. Und ist diese Kirche immer wieder auch sichtbar als das Geheimnis der Liebe, in dem Menschen über sich hinauswachsen, in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer Kirche.
Amen.
+Johannes Freitag
Weihbischof der Diözese Graz-Seckau
Graz, am 14. Juni 2026