Predigt beim Gottesdienst am Gründonnerstag, 5. April 2012 im Grazer Dom

Was wir an diesem Abend inmitten der Karwoche feiern, wird an jedem Tag – ausgenommen den Karfreitag und den Karsamstag – an unzähligen Orten gefeiert. Ein schlichter katholischer Priester in der Diaspora von Südengland hat mir einmal ergreifend sein ehrfürchtiges Staunen darüber zur Kenntnis gebracht, dass in der katholischen Weltkirche eigentlich zu jeder Stunde vielerorts das Mysterium der Eucharistie gefeiert und so die Frucht des Leidens, Sterbens und Auferstehens Christi gegenwärtig gesetzt wird.

 

Heute Abend feiern wir aber nicht nur eine Messe wie sonst so oft, sondern wir feiern den Ursprung, die Stiftung der Eucharistie im Abendmahlsaal von Jerusalem durch Jesus im Schatten seines qualvollen Todes am folgenden Tag. Jesus hat die Urlebensmittel Brot und Wein zu Zeichen dessen gemacht, was er inmitten der Jünger und vielen Volkes drei Jahre lang gewesen war und getan hatte: er war für sie wie Brot und Wein gewesen auf ihrem Weg zu einem Leben in größerer Fülle, und er wollte in der Gestalt dieser Lebensmittel bei den Jüngern und bei der Kirche bleiben.

 

Um das Brot des Abendmahles teilen zu können, musste Jesus dieses Brot mit dem Einsatz erheblicher Kraft nicht nur brechen, sondern geradezu zerreißen. Das kann man als prophetischen Verweis darauf ansehen, dass am nächsten Tag, am ersten Karfreitag der Kirchengeschichte der gemarterte Leib des Herrn durchbohrt und zerbrochen werden würde. Auch der Wein des Abendmahles und der Eucharistie konnte und kann nur gewonnen werden, indem Trauben zerstampft, in ihrer Gestalt zerstört wurden. So sind Brot und Wein in der Messe Zeichen für die erlösende Liebe Christi, der sein Leben hingegeben hat und dessen Leib zerbrochen wurde, damit der Hass, die Aggression von Menschen gegen Menschen und gegen Gott von der Wurzel her unterlaufen und durch ein Übermaß an Liebe überwältigt werden konnte.

 

Wir feiern in jeder Messe den Sieg des Lebens über den Tod, der Liebe über den Hass, des Lammes über die Wölfe. Unter den Zeichen von Brot und Wein ist wirklich er gegenwärtig, den die Bibel ebenso Menschensohn nennt wie Gottessohn. Er, der „Gott-mit-uns“ durch den wir bei Gott sind. Gegenwärtig ist er als Lamm, das in Ewigkeit seine nun freilich verklärten Wunden trägt, die ihm Menschen geschlagen haben. Gegenwärtig ist das Opfer, die Tat seiner Selbstüberschreitung im Schrecken des Karfreitags und die Annahme dieses Opfers im Ereignis seiner Auferstehung. Wirklich gestorben, wirklich auferstanden, wirklich gegenwärtig ist er. Diese dröhnenden Worte sind der Kern des christlichen Glaubensbekenntnisses.

 

Bei der Gründonnerstagsliturgie wird mindestens in den Kathedralen auch der Ritus der Fußwaschung vollzogen. Nur das 4. Evangelium, das den Namen des Evangelisten Johannes trägt, berichtet davon, dass Jesus sich schon im Schatten seines Todes bei einem Mahl zu den Füßen der Jünger hinabgebeugt hat, um ihnen diesen Sklavendienst zu tun. Und er gab ihnen ein Gebot mit auf ihren zukünftigen Weg, in dem auch sein eigenes Leben und Sterben zusammengefasst war: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ (Joh 13,34) Petrus wollte diesen Dienst aus Ehrfurcht vor dem Herrn und Meister nicht annehmen, aber Jesus ließ dies nicht zu. Später wirst du es begreifen, warum ich dies getan habe, sagt er dem künftigen ersten Bischof von Rom. Die Kirche hat den Auftrag zum Dienst an Menschen, die arm sind an Leib oder Seele oder an beidem, von Jesus geerbt. Sie erfüllt diesen Auftrag nicht so sehr im liturgischen Ritus der Fußwaschung, der sich ja nur einmal im Jahr ereignet, sondern in weltweit täglich millionenfach getanen Werken der Barmherzigkeit. Die Kraft dazu kommt ihr besonders aus der täglich gefeierten Eucharistie zu. So gehören der Dienst der Fußwaschung und die Eucharistie ihrem Wesen nach an der Wurzel zusammen. Dies wird in der heutigen Liturgie sichtbar gemacht.

 

„Heute“ ist die Eucharistie gestiftet worden, sagt der Priester im Hochgebet des Gründonnerstages. Wir werden so in eine Gleichzeitigkeit versetzt mit dem, was vor 2000 Jahren in Jerusalem geschehen ist. Möge die verwandelnde Kraft dieses Mysteriums nicht nur Brot und Wein zum Leib und Blut des Herrn wandeln, sondern mehr und mehr auch jeden und jede von uns verwandeln, damit wir wirklich Kirche, Christi mystischer Leib sein können inmitten der Menschheit.