BERESHIT

"Buchstäblich von Anfang an": Ein Buch-Kunst-Projekt über das hebräische Alphabet von Daphna Weinstein in Zusammenarbeit mit Renate Ilsinger

„BERESHIT – buchstäblich von Anfang an“ zeigt ein israelisch-österreichisches Literatur-Kunst Projekt über das hebräische Alphabet, das Ergebnis einer mehrjährigen Zusammenarbeit der aus Israel stammenden Künstlerin Daphna Weinstein und der in Graz und der Südsteiermark lebenden Verlegerin und Buchkünstlerin Renate Ilsinger.

Gott, Haus, Dach, Rede, Geburt, Mutter…: Die Buchstaben der hebräischen Schrift sind aus Grundfigurationen des Lebens entstanden. In der Kabbala, der jüdischen Mystik, erhalten sie im Mittelalter eine besondere Bedeutung. Aus dieser jüdischen Tradition schöpft Daphna Weinstein ebenso wie als Zeitgenossin aus den gegenwärtigen Fragen von Nachkommenschaft, Rollendiskursen, der Welt- und Geschichtsbewältigung angesichts der Katastrophe des 20. Jahrhunderts für das jüdische Volk. Die in Tel Aviv geborene Künstlerin, deren Eltern den Holocaust überlebt haben, ging erneut nach Österreich, um hier zu leben, sie wohnte und arbeitete in den letzten fünf Jahren bis 2011 in Graz.
In dem Projekt „BERESHIT – buchstäblich von Anfang an“ entstanden insgesamt elf verschiedene Arbeiten zu den einzelnen Buchstaben des hebräischen Alphabets (Aleph, Bet, Gimel, Daled, Lamed, Mem, Nun, Samech, Reisch, Tav), von denen hier die Buchstaben „Aleph“, „Daled“, „Lamed“, „Samech“ und „Reish“ gezeigt werden. Die Arbeiten haben sich untereinander beeinflusst und sind quasi gemeinsam gewachsen.

 

Die gemeinsame Arbeit der beiden Künstlerinnen lag in der künstlerisch-installativen (Weinstein) und lyrischen (Ilsinger) Hervorhebung des poetischen Werts dieser Buchstabensymbolik und -semantik.
In fünf Rauminstallationen im II. Stock des Minoritenklosters, in dem diese Ausstellung dank der Gastfreundschaft des Minoritenkonvents möglich ist, inszeniert Daphna Weinstein dieses transkulturelles Projekt, das genährt ist von einem poetisch anmutenden Vertrauen in das Medium Schrift und in die Poetik von Sprache. Von Renate Ilsinger stammen die poetischen Anmutungen in den einzelnen Räumen. Es geht um das Verhältnis von Abstraktion und Humanität (Aleph), um den entscheidenden Punkt der Teilung, wo Neues entstehen kann, das nicht nur Abhängigkeit, sondern auch Verbindung verdeutlicht (Daled), um die Unmöglichkeit, Lebenswenden erfassen, begreifen und beherrschen zu können (Lamed), um die Unfassbarkeit der jüdischen Katastrophe im Nationalsozialismus in Form von Seifen und zerstörten Büchern (Samech), und um die zwangsneurotische Versuchung, die Welt neu zu ordnen: In einer „Kreuzsticharbeit“ aus Tusche und Millimeterpapier werden „große Menschen“ verewigt: Spirituelle Führer, politische Führer, Profeten, Dichter, Musiker, Helden, aber auch Lügner (Reish) – sie alle strukturieren unsere Welt.

 

Die Eingangsbilder zu dieser Ausstellung bilden zwei Werke, die nun Teil unserer neu entstehenden „Sammlung für Religion in der Gegenwartskunst“ sind: Die erstmals bei „IRREALIGIOUS!“ zu sehende Arbeit „Tohu va´wohu – The seven days of the creation of the world“ von 114 Marmeladegläsern, in denen die ersten Worte des hebräischen Schöpfungsliedes zu sehen war, sowie die 7-teilige Serie „Re-Creation“ aus der Ausstellung „mutter“.

Kurator: Johannes Rauchenberger

 

Im Gespräch mit dem Kunstmagazin „kunst und kirche“, das Anfang Juni erscheint, erläutert Daphna Weinstein einige Grundmotive ihrer Arbeit. Wir bringen Auszüge aus diesem Gespräch.

kunst und kirche: „Bereshit – Buchstäblich von Anfang an“ ist eines Ihrer jüngsten Projekte, die die ersten Worte der hebräischen Bibel zitieren: „Im Anfang schuf Gott…“ Anfang ist hier wörtlich genommen, Grundworte des Lebens finden Ihre poetische oder installative Ausformung. Sie bezeichnen diese Arbeit als „transkulturelles Projekt“. Was können die ersten Worte der hebräischen Bibel dazu beitragen?  

Daphna Weinstein: Ausschlaggebend für dieses Projekt war vor allem mein grundsätzliches Interesse an Büchern, das sicherlich auch mit meiner Herkunft zu tun hat. Israels Kultur ist ja eine Kultur des geschriebenen Wortes. Wie auch bei meiner Ankunft in Europa, speziell in Österreich, merkte ich, dass ich meine Position in Bezug auf kulturelle Begebenheiten völlig neu überdenken muss, vor allem jene, die die Bedeutung des geschriebenen Wortes für Israels Kultur betreffen. In Büchern vollzieht sich ja generell der Wandel von erzählten Geschichten hin zu ihrer „Sichtbarwerdung“ und damit verbundenen kulturellen Verankerung im Sinne eines geschriebenen Textes. Zum anderen repräsentieren, was wir in Büchern lesen können, gewisse allgemeine moralische Grundsätze. Bücher beschreiben nicht nur den Glauben, sie schließen und öffnen auch Türen zu neuem. Außerdem finde ich die physische Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und der Form und Größe von Büchern sehr spannend.

kuk: Ich merke in Ihren Arbeiten immer wieder eine unglaubliche Sinnlichkeit, eine haptische Präsenz,  die sich gerade durch ihre Zurücknahme besonders eindrucksvoll entfaltet.

Körperlichkeit scheint mir sehr wichtig, gerade auch die Körperlichkeit eines Buches. Man braucht ja nur an die Materialität frühester Handschriften im Vergleich zur heutigen Reproduzierbarkeit denken. Die verschiedenen Arten von Körperlichkeit, die Bücher zeigen können, sind wie Symbole der gesamten menschlichen Existenz. In meiner Beschäftigung mit den frühesten erhaltenen Texten, wie etwa der Schöpfungsgeschichte, geht es mir vor allem um die Klärung der Frage, inwiefern Texte die Entwicklung unserer Gesellschaften beeinflusst haben. Es ist notwendig, dabei sehr früh anzusetzen, dort, wo diese literarischen, poetischen oder sozialen Diskurse zu beginnen scheinen.

kuk: Ausgangspunkt Ihrer Arbeit ist also immer das geschriebene Wort – sei es in den visuellen Arbeiten, in den dazu entstandenen Texten oder in den Befragungen?

Ja, das hebräische Alphabet, um genau zu sein. Wobei ich nicht glaube, dass ich mit diesem Projekt die hebräische Sprache klarer mache. Mir geht es vor allem darum, eine Verbindung zwischen Gesellschaft und Sprache herzustellen. Für mich hat Kunst zu tun mit der Entwicklung des kritischen Denkens – und dies ist auch meine Relation zu diesen Texten.

Daphna Weinstein: The Hebrew Alphabet 2011, Card board and lime, Courtey the Artist 


Im Rahmen des aktuellen Buchprojektes „Bereshit“, das ich über einen längeren Zeitraum gemeinsam mit der Verlegerin Renate Ilsinger bearbeitet habe, habe ich mich nicht nur visuell, künstlerisch mit Worten, Buchstaben und deren Bedeutungsmöglichkeiten befasst. Ich habe zahlreiche Befragungen durchgeführt – psychologischer, soziologischer und anthropologischer Art – um tiefere Einblicke in den komplexen Zusammenhang von Worten und ihrer kulturellen Prägung zu erfahren. Diese Befragungen stellen für mich eigentlich den bedeutendsten Teil meines Schaffens dar. Auch haben wir uns mit verschiedenen Texten auseinandergesetzt, wie etwa Umberto Ecos “Serendipities Language and Lunacy“ und Martin Bubers Arbeiten.

kuk: Wie verlief dieser Prozess konkret?

In diesem Projekt „Buchstäblich von Anfang an“ entstanden elf verschiedene Arbeiten zu den einzelnen Buchstaben des hebräischen Alphabets. Aleph, Bet, Gimel, Daled, Lamed, Mem, Nun, Samech, Reisch, Tav… Die Arbeiten haben sich untereinander beeinflusst und sind quasi gemeinsam gewachsen. Mir waren dabei vor allem der Wert des Poetischen hervorhebenswert, und das, was zwischen den Zeilen steht. Eine der ersten Analysen, die ich dabei durchgeführt habe, prüft das Wort Gott (e-lo-him). Das Judentum wird zwar als erste monotheistische Doktrin angesehen, obwohl das Wort e-lo-him grammatikalisch im Plural geschrieben ist! Dieses Paradoxon war der Anfang.

Dann begann ich mit freien Assoziationen, mit einem Wort oder mehreren Wörtern, die zum Ausgangspunkt für Bilder oder Konzepte wurden. „Aleph – Der Anfang vor dem Anfang“ beispielsweise assoziierte ich mit den hebräischen Worten „Gott“, „Liebe“, „Kunst“, „ich selbst“, „eins“, „Mensch (Adam)“, „Erde“, „Essen“, „Luft“ und dem deutschen Wort „Atem“. Diese Arbeit beinhaltet verschiedene Arten von geschichteter Farbe auf verschiedenen Materialien (z.B. Gips) in unterschiedlichen Größen, Sandpapier legte diese Schichten frei. Die Kennzeichen dieser Arbeit lagen im Prozess des „Hineingrabens“ in die Schichten hindurch, die alles perfekt verdeckten. Die Frage, die sich in dieser Arbeit für mich stellte, ist das hohe Niveau von Abstraktion bzw. des abstrakten Denkens. Eigentlich geht es in dieser Übung genau um diesen Punkt. Gott ist eine Vorstellung, die man weder beweisen noch nicht beweisen kann. Auf der Höhe von Abstraktion wird die Konzeption „Gott“ als eine Idee betrachtet, aber in jener der Humanität überwiegt vielmehr die Vorstellung, dass diese eine existentielle Nahrung braucht, die ihre Herkunft in der Liebe hat. Somit schwebt diese Arbeit zwischen abstrakt und aktuell.

kuk: In „Daled“ häkeln sie ein Netz durch den Raum, bei „Lamed“ hingegen sind kaum sichtbare Holzschnitte zu sehen…

 

Daphna Weinstein knüpft die Rauminstallation "Daled - The Point of detachment" (Stickgarn).
Detail aus dem Projekt: "Bereshit. Buchstäblich von Anfang an". Ein Buch-Kunstprojekt von Daphna Weinstein und Renate Ilsinger, 2010-2012. Courtesy the Artists.
Foto: J. Rauchenberger

 

Mein Zugang war die Frage, wo sich am Anfang Unterscheidung ereignet. Wo ist der Punkt der Trennung, wo sich Neues abzeichnet, das sich aber wiederum mit anderem verbindet. Wo ist die Teilung, die Zellteilung, der Anfang höherer Entwicklung. Diese Verknüpfungen haben unterschiedliche Qualitäten, was im Akt des Häkelns deutlich wird. In der Installation von „Daled“ ist dieses Netz gleichsam auch eine Höhle. Die Verbindungen sind natürlich auch Abhängigkeiten. Das Netz ist eine Metapher für die Teilung, es ist vielleicht ein riesiges Blattwerk oder die Art, wie ein Alien wächst… Dabei assoziierte ich „Daled“ im Hebräischen mit „Rede“, „Dualität“, „Gespräch“, „Doppeldeutigkeit“, „Duell“, „Zweisprachigkeit“, „Blut“, „Tränen“, „Straße“, „Wissen“, „Meinung“ und mit dem deutschen Wort „Dazwischen“ – all diese Assoziationen sind Momente der Trennung und der Unterscheidung.
Bei „Lamed“ hingegen interessierten mich die rituellen Übergänge des Lebens. Wir sind ehrlich gesagt doch nicht in der Lage, diese Schnittstellen wirklich zu erfassen, auch nicht die Vorstellungen von Unendlich- und Ewigkeit. „Geburt“, „weiß“, „säuseln“, „Herz“, „für immer (Unendlichkeit)“, die Assoziationen im Hebräischen, sowie das deutsche Wort „Licht“ machen für mich diese besondere Sphäre des Transitorischen deutlich. Und auch die Unmöglichkeit, sie wirklich erkennen, unterscheiden oder auch beherrschen zu können.

kuk: Besonders erschütternd in dieser Arbeit ist der Buchstabe „Samech“: Seifenstücke in Form von Rosen, zarte Blättchen mit wunderschöner hebräischer Schrift – und alte Bücher…

 

Daphna Weinstein, Samech - The Children of our Fathers. Glycerin Soap and old books.
aus dem Projekt: BERESHIT - Buchstäblich von Anfang an (in Zusammenarbeit mit Renate Ilsinger)
Foto: Boštjan Pucelj
        

„Samech – The Children of our Fathers“ versucht eine entsetzliche Zeit der Geschichte in Erinnerung zu halten, aber von dem Standpunkt einer Person aus, die zu diesen Orten ging, um dort zu leben. Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, was ich getan hätte, wenn ich auf der anderen Seite des Stacheldrahts gewesen wäre… „Samech“ – damit beginnt im Hebräischen das Wort „Seife“, „Messer“, „Markierung“, „Ende“, aber auch „Buch“ – und das deutsche Wort „Schrift“.
„Reish – Obsessive Compulsive disorder“ („Zwangsneurose“), eine Stick-Handwerksarbeit voller Obsession hat das Ziel, unsere Welt neu zu ordnen. In der Art, als ob man historische Ereignisse neu schreiben würde oder als ob man akribisch Listen schriebe. „Listen“, „Stickerei“, „Betrug“ waren denn auch die hebräischen Assoziationen zu „Reish“. Ich gruppierte Philosophen, kritische Geister, Wissenschaftler, Erfinder, spirituelle und politische Führer, Kämpfer, Menschen, die im Kampf starben, und solche die ohne zu kämpfen starben, Menschen, die Geschichten erzählten anstatt sie zu töten und Menschen, die sich dadurch artikulierten, indem sie logen, und trug die Namen in Kreuzstichmuster auf das Millimeterpapier auf. Im Zentrum befinden sich Schildkröten und ein Stammbaum. Alle diese Namen haben Großes geleistet. Nun sind sie auf einem Tischtuch, allerdings auf einem aus Papier. Borten begrenzen dieses Kreuzstich-Tuch aus Bleistiftgarn. Ein festlicher Tisch gehört zur jüdischen Feierkultur übrigens im Besonderen dazu…

 

Daphna Weinstein: „Reish – Obsessive Compulsive disorder" („Zwangsneurose"), 2010, Tusche, Millimeterpapier. Detail aus dem Projekt: "Bereshit. Buchstäblich von Anfang an". Ein Buch-Kunstprojekt von Daphna Weinstein und Renate Ilsinger, 2010/11. Courtesy the Artist.

 

kuk: Kehren wir „buchstäblich an den Anfang“ zurück: Ihre ersten Worte der hebräischen Bibel sind in Mon Cheri geschnitten….

„Tohu va´wohu. The seven days of the creation of the world“ besteht aus 114 Marmeladegläsern, in denen das erste Kapitel des hebräischen Schöpfungsliedes zu sehen ist, in jedem Glas ein Wort. Immer wenn ein Wort mehrfach vorkam, habe ich es ausgeschnitten. Mit dieser Methode kann man nur den ersten Satz wirklich „lesen“, so wie wir ihn in der Bibel lesen. In der letzten Ausstellung habe ich diesen ersten Satz auf einem fragilen Regal auf einen Flaschenzug befestigt. Es war kein sicherer Ort …. Das Papier, aus dem das hebräische Wort ausgeschnitten ist, war die Verpackung eines Mon Chéri. Das Glas hat nicht nur die Funktion der Verwahrung, sondern ist auch sichtbare Hülle für Versuche. Jedes Wort ist ein Versuchsobjekt: Es könnte auch anders sein als das bisher Bedeutete. Oder anders: Jedes Wort ist hier vollkommen neu, wird immer vollkommen neu und unbelastet sein: Es ist nur ein einziges Mal ausgesprochen. Poetisch ein Wort, einen Text zu denken, hat das Potential eines Neuentwurfs. Die pinke Version des ersten Kapitels der Bibel geht in ihrem Schöpfungsakt der genüsslichen Erinnerung an die Schokolade voraus, ja.

kuk: Die Gläser erinnern mich an den Status des Lebensanfangs, wo das ganze Leben in Potentialität vorhanden ist, und sich weder Zeit noch Alter in die Biografie eingenistet haben.

Auch Sinnentwürfe sind ohne diesen Status des Anfangs schwer denkbar. In ihnen findet die Vielfalt, zu der Sprache mächtig ist, ihren Ausdruck. Religionen wurzeln in heiligen Texten, die geoffenbart, geschaut und aufgeschrieben, als Geschichtsbuch übermittelt, als Sozialkritik weitergegeben oder einfach als Loblied aufgeschrieben sind. Ich wollte in einem gewissen Sinne einen sehr unbeschwerten Zugang zur Schöpfung zeigen. Das erste Kapitel der Genesis ist eines der ersten philosophischen und poetischen Konzepte über das Leben. Und vor allem, dass sich Schöpfung täglich ereignet. Schöpfung könnte das je neue Aneinanderfügen und Kombinieren von Gläsern sein, in denen diese kostbaren Worte verwahrt sind. Das ist doch Schöpfung, ein täglicher, neuer Akt. Auch ein Akt der Sprache.

kuk: Daphna Weinstein, Sie sind in Tel Aviv geboren, haben im umstrittenen Gebiet Israel gewohnt, mit all seiner Vergangenheit. Ihre Eltern haben den Holocaust überlebt. Können Sie kurz Ihr besonderes Verhältnis zur Geschichte erläutern, zur eigenen aber auch zu der Geschichte eines ganzen Landes und seiner Bevölkerung? Inwiefern hat das Überschneiden persönlicher und kollektiver Erfahrungen Ihre Sicht auf Geschichte verändert?

Die Generation meiner Eltern trug ein solches Ausmaß an Hass und Entfremdung mit sich, dass sie gar nicht im Stande war, das Vergangene auszuarbeiten. Sie müssen sich vorstellen, die offizielle Seite Israels, die meisten Institutionen und der Regierungsapparat, werden ja von dieser Generation gelenkt. Ich versuche es anders zu beschreiben: der Staat Israel wird von einer Gruppe Menschen geleitet, die an klinischer Paranoia leiden. Paranoide Menschen lassen sich nicht davon überzeugen, dass niemand mit einem Messer hinter ihnen her rennt.
Ich war noch ein Baby, aber irgendwie erinnere ich mich daran, dass mein Vater uns (als Kinder) immer einbläute, sofort aus dem Haus zu rennen und uns unter den kleinen Baum nahe unserer Nachbarn zu legen, sobald wir die Flugzeuge kommen hörten. Wirklich bewusst wurde ich mir dieser Dinge als Teenager, als man auch begann, eine authentische Rolle an Gedenkstätten und bei Begräbnissen einzunehmen. Als ich später jedoch zu einer Beerdigung eines sehr nahen Menschen ging, merkte ich, dass es entgegen jeder Logik und Vorstellung war.
In diesem Sinne wird das kollektive Gedächtnis fortgeführt, weil es immer wieder in Innersten des Individuums auftaucht, auch in mir. Die Debatte ist unvermeidbar: Ist der Kampf für das Recht zu leben, oder das Leben selbst wertvoller?

kuk: Sie waren selbst Soldatin. Ich habe gerade einen Text gelesen, der Israel als höchst fortschrittlich in Bezug auf die Gleichstellung von Mann und Frau beschrieb – weil 30 Prozent der Soldaten weiblich sind. An zweiter Stelle kommt Südafrika, mit 22 Prozent. Aus meiner Sicht ist das eine sehr zwiespältige Art, Gleichberechtigung zu loben. Wie denken Sie darüber?

Zwiespältig? Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen! Es gibt keine wirkliche Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Frauen in Israel haben jedoch gelernt, sich maskuliner zu verhalten. Die israelische Kultur liegt quasi an Messers Schneide, das rührt von der langen Kette psychologischer Zerstörungen her. Sehr wenige meiner Freunde (und mich wahrscheinlich eingeschlossen) könnten so wohl nicht weiter leben.

kuk: In einer Ihrer Arbeiten schneiden Sie Soldaten in Papier…Scherenschnitt ist ein immer wieder kehrendes Mittel Ihrer künstlerischen Darstellung. D.h. Sie ersetzen die Spitze des Stiftes durch die Klinge des Messers und schneiden ihre Zeichnungen in das weiße Material. Ist das Ihre künstlerisch angemessene Antwort auf die Sprache der Soldaten?

Zwiespältig und doppeldeutig…Das weiße Papier und das Messer sind wie die Ruhe vor dem Sturm oder die süße Stimme, die grausame Lieder singt. Auf Kleiderbügel aus Putzereien hing ich diese Papierbögen, die in der Raumvertiefung des bloßen Aufhängens eine reliefartige Tiefenstruktur erhalten. Die Metaphorik dieses Bildträgers enthebt dem Motiv seine Bedeutungsschwere und führt es in das Gegenbild seiner eigentlichen Repräsentation. Der Soldat ist nicht nur in Israel Inbegriff des Krieges, des Nationalstolzes und der Landesverteidigung. Ich habe ihn isoliert, er erhält im Scherenschnitt eine gebrochene Existenzberechtigung.

kuk: Nach der Geburt Ihres Sohnes haben Sie ebenso eine Scherenschnittarbeit angefertigt mit dem Titel: „Eine halbe Stunde später“. Auf sechs knapp hintereinander hängenden Papierbögen haben Sie sich mit ihrem gerade entbundenen Sohn dargestellt. Schließlich haben Sie sich erneut mit dem Thema „Mutterschaft“ auseinandergesetzt und nannten die Arbeit „Recreation“…

Die Serien stellen kleine (aus)geschnittene Bilder von Müttern aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen dar. Sie sind in Einmachgläsern aufbewahrt. Den überwältigenden Gefühlen der Mutterschaft folgen nun der Alltag und die Schwierigkeiten der Existenz. Mütter aus verschiedenen Lebensabschnitten und Kulturen blicken aus den Gläsern. Jedes Gefäß ist eine Welt für sich, kein Hineinkommen, kein Herauskommen …
Die Einmachgläser greifen zudem auch die klassisch-konservative Rollenverteilung als der Frau hinter dem Herd wie den Aspekt der vermehrt in Anspruch genommenen In-Vitro-Fertilisation, der Zeugung im Glas auf. Außerdem wecken die Gläser auf dem Ablagebrett Assoziationen wach, die im Kontext des stereotypen Frauenbildes stehen. Mein Versuch war allerdings, diese Stereotypen auszudehnen, indem ich eine stolze muslimische Mutter, eine über fürsorgliche chinesische Mutter und die ins Stillen vertiefte Jerry Hall darstellte. Nicht alle Frauen in dieser Reihe sind versteckt oder abgekapselt. Ich hatte aber auch mit der großen Angst einer Mutter zu tun, unabhängig zu sein, Hilfe zu benötigen, nicht zu wissen, wie man um diese Hilfe fragen sollte, in Stille eingeschlossen zu sein.

kuk: Sie wollten diese traditionellen Mutter- oder Frauenbilder zeitgemäß artikulieren, oder umformen?

Ja, es ist mir ein Anliegen, festgeschriebene stereotype Mutterbilder aufzuschneiden, auseinander zu nehmen. Ich möchte die Konservierung und die Verzahnung mit der Gegenwart auf poetisch-kritische Art sichtbar zu machen.

kuk: Nach dem Studium und dem Aufenthalt in London sind Sie 2007 nach Österreich gezogen. Wie hat sich dieser Wohnungswechsel – auch auf dem Hintergrund Ihrer eigenen familiären Vorgeschichte – auf Ihre künstlerische Arbeit ausgewirkt?

Als erstes musste ich erkennen, dass sich alles, was ich zu wissen glaubte, deutlich von dem tatsächlich Vorgefundenen unterschied. Das bedeutete natürlich eine große Veränderung meiner gesamten Wahrnehmung. Das Licht hier ist weißer. Und ich habe Zeit, mich auf mein Schaffen, oder Denken von Kunst zu konzentrieren. Aber es ist natürlich nicht unbelastet von all dem, was hier geschah.

kuk: Ist das Denken, also das theoretische Herangehen an eine künstlerische Arbeit sehr wichtig für Sie?

Meine künstlerische Arbeit erscheint mir als eine Antwort oder Erwiderung auf ein theoretisch Gedachtes, so, als ob meine Arbeit darauf basieren würde. Ich würde es so beschreiben, dass meine Arbeit angelehnt ist an der Theorie, aber einige ihrer Qualitäten aus ganz persönlichen Erfahrungen herrühren (das hoffe ich zumindest!).

 

Ausschnitt aus: „„Buchstäblich von Anfang an“: Daphna Weinstein über die Bildkraft der Buchstaben, die Symbolik des hebräischen Alphabets und über ein transkulturelles Denken aus heiligen Texten im Gespräch mit Kunst und Kirche. Das Gespräch führten Johannes Rauchenberger und Theresa Pasterk. kunst und kirche 2/2012, Springer Verlag Wien.

 

DAPHNA WEINSTEIN, geboren 1971 in Tel Aviv, aufgewachsen in Israel. Sie erhielt ihre künstlerische Ausbildung auf der Wimbledon School of Art sowie am Chester College der Liverpool University (GB). Ihre Werke wurden in Großbritannien, Österreich, Japan, Russland und Italien ausgestellt. 2007 war die Künstlerin Stipendiatin des Landes Steiermark im Atelier Rondo und lebte anschließend bis 2011 in Graz, wo sie in zahlreichen Ausstellungen zu sehen war und ist. www.avaklavan.com

RENATE ILSINGER,geboren 1961 in Graz, Studium der Angewandten Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Buch- und Verlagswesen, der Germanistik, Geschichte und der Bildnerischen Erziehung, mehrjährige operative Vorstandstätigkeit im Haus der Architektur Graz und Leitung des HDA Fachverlages.2005 initiierte sie „ilsinger editions – transkulturelles Spielfeld“ für erweiterte Bucherzeugnisse. Zahlreiche Publikationen zu Kultur, Kunst und Architektur, u. a. Herausgabe (mit M. Szyszkowitz) von Architektur_Graz und Architektur_Steiermark, Herausgabe des Kulturpakets weinzeilen – südliche steiermark severna štajerska. www.ilsingereditions.com

 



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