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Die Sorge um das eigene Seelenheil in dieser gefallenen Welt bringt den Protagonisten dieses viel zitierten Schelmenromans dazu, ihr als Einsiedler zu entfliehen. Weckt auch in uns das Übel der Welt beizeiten den Wunsch, vor ihr flüchten zu müssen? Brauchen wir gar bestimmte Formen der Weltflucht, um die Hiobsbotschaften der modernen Katastrophen und Krisen auszuhalten? Welche Rolle spielen Medien in der Vermittlung apokalyptischer Weltbilder? Mit dem Journalisten, Literaturinterpreten und Kabarettisten Martin Haidinger gehen wir im dritten Teil der Diskursreihe NEU GELESEN. NEU ERZÄHLT. NEU GEMISCHT. solchen Fragen nach. Diesmal sind wir in der Katholischen Hochschulgemeinde zu Gast.
„O Welt! du unreine Welt“, so endet die Klage des fünften Buches des „abenteuerlichen Simplicissimus“, die für den Protagonisten nur noch die Flucht aus der Welt in die Einsiedelei als Option offenlässt. Aus Sorge um das eigene Seelenheil, das in einer von den Gräueln und Schrecken des Krieges gebeutelten Welt in Gefahr steht, tritt er die religiöse Weltflucht an. Die Lektüre dieses Schelmenromans zeigt: Katastrophen und Krisen bedeuten nie nur eine Verwerfung des vormals als sicher Geglaubten – sie sind als Lebensrealitäten ihrer Zeitgenossen immer auch eine Herausforderung ihrer Integrität, die durch den Wunsch, zu überleben, sich irgendwie durchzuschlagen, stets die Gefahr beinhalten, sich moralisch oder religiös zu verfehlen.
Der Tabula-Rasa-Mensch Simplicius Simplicissimus, der unschuldig in die vom Kriegsgott Mars heimgesuchte und von Luzifer beherrschte Welt kommt – wie Grimmelshausen seinen Protagonisten in Visionen sehen lässt –, verfällt trotz anfänglichen Widerstands bald den Lastern und Bosheiten, die für seine Mitmenschen in einer solchen Zeit selbstverständlich geworden sind.
Seine Erkenntnis, dass er gegen diese Übermacht des Bösen auch innerlich nicht ankommen kann, bringt ihn dazu, dass er die Welt „wieder freiwillig quittirt“, wie Grimmelshausen schon zu Beginn des Werks ankündigt. So wird die Weltflucht hier zu dem einzigen sicheren Mittel, aus dem „Jammertal Welt“ der deutschen Kriegsgebiete zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu entfliehen.
Wenn auch die Weltflucht und die Sorge um die eigene Seele im „abenteuerlichen Simplicissimus“ klar christlich gedacht ist, so stellt sich im Umgang mit den modernen Krisen die Frage, wie man sich angesichts der Geworfenheit und des Leben-Müssens in solchen Zeiten verhalten soll. Wer kann angesichts der heute medial vermittelten Hiobsbotschaften (Krieg, Klima, Krise) noch optimistisch bleiben? Die apokalyptischen Klima-Prophezeiungen oder die existenzielle Sorge in einem vom Ukraine-Krieg und von sozialen Missständen gebeutelten Europa geben auch gegen den eigenen Willen genauso zu denken wie die scheinbar nicht auszulöschenden Ausbeutungsstrukturen der Weltwirtschaft. Dass man angesichts dieser Krisen sich ein Stück heile Welt ersehnt, dass sich solche und weitere Eskapismen Bahn brechen und man zumindest einen kleinen Raum des Glücks herbeisehnt, darf nicht verwundern – auch wenn eine derartige Haltung vielleicht die Akzeptanz ungerechter Strukturen voraussetzt. Vielleicht gelingt auch die Flucht in die Hoffnung: „Seit dem 24. Februar 2022“, seit dem Tag an dem Russland die Ukraine angegriffen hat, so Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau „stehen Grimmelshausen, sein Sarkasmus, seine Fähigkeit, ohne Hoffnung die Hoffnung nicht aufzugeben, uns näher als in den Jahren davor.“
Was haben Grimmelshausen Rezept zur (Glück-)Seligkeit und ihre modernen Äquivalente gemeinsam? Wie sehr ist man auf gewisse Formen der Weltflucht auch angewiesen, um angesichts des Übels in der Welt nicht vollends in Depression zu versinken? Welche Rolle kommt den Medien zu, die sowohl Berichterstatter und oft zugleich Vermittler einer potenziell pessimistischen Weltsicht sind? Und worauf können wir heute beinahe 350 Jahre nach Grimmelshausens Roman über eine katastrophale Zeit anders als damals hoffen? Welche alten und neuen Gedanken produktiv zusammenmischen? Der Journalist, Autor und Literaturinterpret Martin Haidinger diskutiert mit Moderator Daniel Pachner über einen Roman, der uns auch heute wohl noch einiges zu sagen hat.
Daniel Pachner
Furcht & Flucht - vor der Welt. Martin Haidinger über alte und neu zu entdeckende Eskapismen bei Grimmelshausens Der abenteuerliche Simplicissimus
Diskursabend aus der Reihe
NEU GELESEN, NEU ERZÄHLT NEU GEMISCHT
Freitag, 28. Oktober, 19 Uhr
Katholische Hochschulgemeinde Graz
QL-Saal
Leechgasse 24
8010 Graz
Grußworte: Florian Traussnig, Mario Steinwender
In Kooperation mit der Katholischen Hochschulgemeinde

Martin Haidinger,
Journalist, Autor, Kabarettist
geboren 1969 in Wien, ist Historiker, Buchautor und Journalist, Wissenschaftsredakteur, Kabarettist und Literaturinterpret. Er ist Redaktionsleiter der Ö1-Wissenschaftsreihe „Salzburger Nachtstudio“. 2010 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Wissenschaftspublizistik. Seine Liebe gilt vor allem der österreichischen Literatur. Lehraufträge u.a an der Universität Graz, der Katholischen Medien Akademie in Wien, der FH Wiener Neustadt und an der „Schule des Sprechens“ in Wien. Zahlreiche Buchpublikationen, zuletzt: Franz Josephs Land. Eine kleine Geschichte Österreichs. (Wien 2016), Jedermanns Land. Österreichs Reise in die Gegenwart. (Wien 2018), Wilhelm Höttl. Spion für Hitler und die USA. (Wien 2019), Hugo Portisch: So sah ich mein Leben. (Wien 2021)