Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst, liebe morgendliche Gottesdienstgemeinschaft!
Wir beginnen den heutigen Tag mit Gebet und mit der Feier der Eucharistie, wir tun dies stellvertretend und inmitten einer Gesellschaft, die zunehmend plural, individualistisch, fragmentiert ‒ und oft auch innerlich erschöpft ist.
Heute vor einer Woche mussten wir uns mit dem schrecklichen Amoklauf eines jungen Menschen auseinandersetzen, der in einer Grazer Schule andere Menschen ermordet und sich selbst gerichtet hat. Der Amoklauf hat uns alle tief getroffen. Junge Menschen, voller Hoffnung, mitten
im Leben ‒ jäh herausgerissen durch zutiefst sinnlose Gewalt. Zurück bleiben Familie, Verwandte, Freundinnen und Freunde und eine zunehmend verunsicherte Gesellschaft mit der leidvollen Frage: Warum das alles?
Die verständlichen Gefühle von Wut, Angst und Ohnmacht drängen sich auf ‒ und mit ihnen die uralte Versuchung, es mit gleicher Münze heimzuzahlen: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Es entspricht einer gewissen menschlichen Logik, Gewalt mit Gewalt zu beantworten, einer Waffe eine weitere entgegenzuhalten.
Doch stellt das heutige Evangelium auch angesichts der Geschehnisse in Graz eine unfassbare Forderung: „Liebt eure Feinde. Betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5,44)
Genau hier ist es, wo sich aus der Tiefe unseres Glaubens heraus ein hoher Anspruch auftut, der die christliche Alternative für die Gesellschaft ist: Liebt eure Feinde. Nicht aus einem abgehobenen moralischen Überlegenheitsgefühl heraus, sondern in der herausfordernden
Entscheidung, sich ‒ trotz allem ‒ den Gefühlen von Rache, Wut und Ohnmacht mit Liebe entgegenzustellen.
Die Lesung aus dem 2. Korintherbrief und das Evangelium nach Matthäus vertiefen dies:
Paulus spricht von Großzügigkeit und vom Beispiel Christi, der reich war und arm wurde. Jesus fordert im Evangelium zur Liebe gegenüber den Feinden auf. Beide Texte führen uns auf ihre je eigene Weise ins Herz der christlichen Botschaft hinein und verdeutlichen, was Kirche wesentlich
zu tun hat:
Kirche stiftet Gemeinschaft durch einen achtsamen, wertschätzenden Blick auf alle Menschen. Sie setzt sich somit einer Welt, die oft aus einer Logik der Vergeltung denkt, mit der Logik der Liebe entgegen.
Christus wurde arm, wie uns die Lesung vermittelt, nicht aus Not, sondern aus Liebe. Und diese Liebe, die alles hingibt, ist der Ursprung aller geistlichen Kraft. Die Kirche gibt, weil ihr gegeben wird. Sie schenkt, weil sie selbst beschenkt wird. Sie teilt, was sie empfangen hat.
In diesem Sinn ist das Evangelium kein simpler Idealismus, sondern Konsequenz einer hohen Wahrheit: „Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen!“ (Mt 5,44)
Warum? Weil Gott selbst so handelt. Weil seine Liebe nicht selektiv ist. Weil in seiner bedingungslosen Liebe - trotz allem - kein „Feind“ mehr bestehen kann. Die Kirche hat die Aufgabe die Welt daran zu erinnern, dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist ‒ und dass dieses Bild Liebe ist.
Wo die Kirche aus dieser Logik der Liebe lebt ‒ selbst dann, wenn sie dafür missverstanden oder verfolgt wird ‒, wird sie zum Raum der Versöhnung, zu einem Ort, an dem Menschlichkeit aufblüht. Nicht durch Macht, sondern durch Barmherzigkeit. Nicht durch Kontrolle, sondern
durch Vertrauen.
Im Blick auf diesen Anspruch wird bewusst: dieser Logik Gottes zu entsprechen, ist nicht leicht und erfährt in letzter Konsequenz so manche Angriffsfläche. Sie wird hinterfragt, kritisiert und verhallt oft im Gerausche und Geraune der Gesellschaft.
In einer solchen Situation predigt das Evangelium uns nicht den Rückzug, sondern fordert zu einer noch tieferen Verankerung in der Logik der Liebe auf: Zum Geben ohne Berechnung, zum Dasein für andere ‒ auch wenn sie uns fern oder gar feindlich gegenüberstehen.
Das ist keine Strategie ‒ es ist die Lebensweise der Nachfolge. Es ist, wie Paulus schreibt, die Folgerung aus dem, was Christus uns getan hat.
Die Kirche hat in der Gesellschaft keinen Platz, weil sie sich „behauptet“, sondern weil sie verwandelt ‒ durch das Bezeugen der Liebe Gottes, die nicht aus- oder abgrenzt, sondern sich dem Menschen hingibt. Gerade in einer Gesellschaft, in der der Mensch zu funktionieren hat, bewertet wird nach Leistung, beeinflusst von Meinungsmache, verkauft unter seiner Würde, wird ein wohlwollender Blick, ein liebevolles Ansehen und die Erfahrung unverdienter Liebe lebensnotwendig. Dazu ist Kirche berufen, wenn sie Jesu Wort ernst nimmt.
In einer Welt, die sich zunehmend in vielfältige gesellschaftliche Lager, Interessen und individuelle Identitäten aufspaltet, bleibt das Zeugnis der Kirche ein heilsamer Stachel: Sie erinnert daran, dass Versöhnung nicht nur möglich, sondern notwendig ist. Sie schafft Räume, in denen Menschen sich nicht erst beweisen müssen, um angenommen zu werden. Sie lebt vor, dass auch die scheinbar nur schwer zu vereinenden Gegensätze, die Paulus anspricht ‒ Alt und Jung, Arm und Reich, Gläubige und Zweifelnde ‒ in Christus eine gemeinsame Heimat finden.
Und sie zeigt: Liebe endet nicht an der Grenze des Verstehens oder Vertrauens, sondern beginnt dort erst recht. Denn „wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“ (Mt 5,46) ‒ fragt Jesus.
Kirche hat also mehr zu wagen, um Menschen zu dienen: als Erinnerung an eine tiefere Berufung des Menschseins, als Ort des Aufatmens im Getriebe des Alltags, als Ort der Hoffnung, auch in extremen Umständen, als Sakrament einer Liebe, die vorbehaltlos ist.
Übermorgen feiern wir Fronleichnam, wir tun „Dienst am Herrn“. Diesen Fron-Leichnams-Dienst leisteten in den vergangenen Tagen viele auf beeindruckende Art und Weise: Helferinnen und Helfer, Politikerinnen und Politiker, Lehrerinnen und Lehrer sowie Seelsorgerinnen und
Seelsorger des Alltags in einer für alle herausfordernden Situation in Graz. Durch ihr Beispiel zeigten sie, wie die Logik der Liebe ganz konkret Gestalt annimmt: durch einfühlsames Handeln, stilles Dasein und echter Anteilnahme an Leid und Tod.
Wenn wir als Kirche über Wege in die Zukunft sprechen, dürfen wir dabei die Logik Gottes nicht aus dem Blick verlieren. Es ist eine Logik bedingungsloser Liebe, die Gemeinschaft stiftet. Sogar mit dem Feind!
+Johannes Freitag
Weihbischof der Diözese Graz-Seckau
Mariazell, am 17. Juni 2025