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"An der Seite des Lebens stehen bis zuletzt!" - Diese Haltung, die "hoffentlich auch in Zukunft von einem breiten gesellschaftlichen Konsens befürwortet und getragen wird", hat der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler in einer Stellungnahme gegenüber Kathpress hervorgehoben. Anlässlich des in einem Gespräch mit der Wochenzeitung "Falter"angekündigten assistierten Suizids des Autors und Lehrers Nikolaus Glattauer zeigt er sich besorgt über einen Paradigmenwechsel in Österreich.
"Ganz großes Unbehagen hat mich erfasst, weil ich der sympathischen Person gerne gesagt hätte, bitte mach es nicht! Es gibt so viele Menschen, die dich schätzen und noch gerne mit dir zusammen sein würden." Wenn man bisher von einer nahestehenden Person gehört habe, dass ihr die Last des Lebens zu viel geworden ist, "dann haben wir doch alles in die Wege geleitet, um zu helfen - mit einem einfachen Dasein, Zuhören und schlichtweg einer Ermutigung, nicht aufzugeben", so der Bischof, der auch Referatsbischof für Lebensschutz in der Österreichischen Bischofskonferenz ist. "Vor allem am Lebensende und bei schwerwiegenden Erkrankungen zeigt sich der Wert menschlicher Verbundenheit."
Es gebe in Österreich eine relativ gut zugängliche Hospiz- und Palliativversorgung - unabhängig vom sozialen Status und allen weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen. Ob in den stationären Einrichtungen oder in der mobilen Form, Hospize stünden für eine einfühlsame Betreuung, die die individuelle Situation eines schwer kranken Menschen ernst nimmt und ebenso achtsam die Angehörigen einbezieht.
Dankbar erwähnte Glettler, dass es seit fast 60 Jahren österreichweit die Telefonseelsorge gibt. Menschen in existenziellen Krisen hätten damit ein rasches Gesprächsangebot zur Verfügung. Unzählige Personen hätten von dieser diskreten Soforthilfe bisher profitieren können. Darüber hinaus werde seitens der psychologischen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Grundversorgung in Österreich viel getan, damit Menschen mit schweren Belastungen und depressiven Störungen wieder in eine lebensbejahende Haltung zurückfinden können.
Kritik äußerte in der Kleinen Zeitung vom 5. September auch der evangelische Medizinethiker Ulrich Körtner: Das Gespräch mit Glattauer lese sich „wie eine Werbung für den assistierten Suizid“, sagt Körtner. Es werde darin suggeriert, dass es ein wirkliches Sterben in Würde nicht geben könne. „Kein Wort zu ambulanten und stationären Palliativangeboten. Stattdessen werden mehr Ärzte gefordert, die zur Unterstützung Suizidwilliger bereit sind.“
Auch Johann Platzer, Ethiker am Institut für Moraltheologie der Universität Graz, zeigt in der Kleinen Zeitung Unbehagen. Glattauers individueller Schritt verdiene Respekt, gerade bei emotional aufgeladenen Interviews bestehe aber die Gefahr, dass "komplexe Entscheidungen verkürzt, dramatisiert oder gar beschönigt werden". Auch wenn wir den Suizidwunsch einer Person, die aufgrund von Leiden keinen Ausweg mehr für sich sehe, nachvollziehen können, ist es die Aufgabe einer solidarischen Gesellschaft, dieser Person Hilfe zum Leben anzubieten.“ Auswirkung könnte sein, dass „die Solidarität mit den Schwachen auf der Strecke bleiben könnte.“ Freiheit drohe in Zwang überzugehen. Als Ethiker frage er sich: Braucht es dann überhaupt noch eine Ethik, wenn alle anderen ethischen Prinzipien dem hohen Gut der Autonomie unhinterfragt untergeordnet werden?
Zu Wort kommt im Artikel auch die Leiterin des Bereichs Palliativ und Hospiz im Krankenhaus der Elisabethinen in Graz, Desirée Amschl-Strablegg, die bereits viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet hat. Glattauers letztes Interview vermittle ihr das Gefühl, „dass da ein sehr einsamer, sehr verzweifelter Mensch spricht.“, für den es offensichtlich keine Alternativen gab. Auch der Titel des Gesprächs gab ihr zu denken: „Ich will in Würde sterben“ lautet dieser. „Das würde bedeuten, dass alle, die den Weg anders zu Ende gehen, nicht in Würde sterben“, so Amschl-Strablegg.
Quellen: Kathpress, Kleine Zeitung vom 5. September 2025; Bearbeitung: Katrin Leinfellner
Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und gebührenfrei unter der Notrufnummer 142 erreichbar sowie unter www.telefonseelsorge.at. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums unter www.suizid-praevention.gv.at.