"Zur Mitte zähle ich Leute, die glauben und fühlsam sind für die Zeichen der Zeit"

Interview des ORF-Religionsjournalisten Martin Gross mit Bischof Kapellari am 16.1.2011 in der Ö1-Sendung "Erfüllte Zeit"

Gross:
Egon Kapellari ist der am längsten amtierende Diözesanbischof Österreichs. Heuer feiert er sein 30-Jahr Bischofsjubiläum, ebenso sein 50-Jahr Priesterjubiläum. Und am vergangenen Mittwoch wurde er 75 Jahre alt und musste vorschriftgemäß dem Papst seinen Rücktritt anbieten. Doch der Anlässe nicht genug; wurden diesen Dienstag die stark angestiegenen Austrittszahlen der röm.-katholischen Kirche veröffentlicht und sorgten für alarmierende und kritische Kommentare. Aus all den genannten Gründen habe ich Bischof Kapellari um ein Interview gebeten. Er hat zugesagt und wir trafen einander in einem Passauer katholischen Bildungshaus, wo er bei einer Fortbildungsveranstaltung von Priestern seiner Diözese dabei war. Als erstes antwortete der Bischof auf meine Frage, wie er den Wandel der vergangenen 50 Jahre, in denen er Priester war, beschreiben würde?

Bischof:
50 Jahre Priester, 30 Jahre Bischof, es hat sich die Gesellschaft, bekanntermaßen, weltweit und auch in Österreich radikal verändert, und ist dabei, sich weiter zu verändern; und die Kirche ist ein Teil der Gesellschaft, ein nicht kleiner Teil, und hat sich mit verändert. Eine Kurzformel als Antwort kann ich nicht geben. Bewegung ist einmal das Eine. Bewegung bis zur Rastlosigkeit einerseits wird zitiert, und andererseits das Gewicht der Tradition und die Spannung zwischen dem Geerbten und den Neuandrängenden ist eine Daueraufgabe in der Bewältigung. Und ich habe versucht, „katholisch“ so zu leben, dass es synthetisch ist, auch als Synthese zwischen den Geerbten-Verbindlichen und zum Teil auch Veränderbaren einerseits, und andrängenden fragend, fordernd andrängendem Neuen, das zum Verlust von Identität führen kann, aber auch Neues, Kreatives ermöglicht, zu leben und zu fördern.

Gross:
Einen Tag vor Ihrem Geburtstag sind Zahlen veröffentlicht worden, Kirchenaustrittszahlen, die kein freudiges Geburtstagsgeschenk für Sie waren, aber auch keine Geburtstagsüberraschung sein können. Sie haben in diesem Zusammenhang die Hoffnung ausgesprochen, dass die katholische Kirche geläutert aus diesem krisenhaften Prozess hervor gehen möge. Wie geläutert? Wovon geläutert?

Bischof:
Die Kirche ist numerisch sehr groß, sie ist auch weiterhin nach den Austrittsbewegungen der jüngsten Zeit die größte soziale Gruppe in Österreich, die bei weitem größte, die aber in sich sehr plural ist und in konzentrischen Kreisen um eine Mitte herum angelegt ist. Zur Mitte zähle ich aber nicht die Leute, die sozusagen nur glauben und nicht nachdenken. Sondern zur eigentlichen Mitte zähle ich Leute, die sowohl glauben und zugleich sehr fühlsam sind für die Zeichen der Zeit, fühlsam sind für den Nichtglauben von Zeitgenossen, auch Angehörigen oder für das Andersglauben von Zeitgenossen und Angehörigen. Und diese Mitte ist immer die Voraussetzung dafür, wie breit oder wie schmal die Kirche mittelfristig sein wird. Die Tendenz ist zweifellos so, dass die Kirche kleiner wird. Alle großen sozialen Gruppen in Österreich und vergleichbaren Ländern werden kleiner, das ist völlig klar. Aber wir möchten so breit wie möglich bleiben und ich habe das immer so verstanden: katholisch heißt synthetisch, heißt auch den Gestus Christi vom Kreuz her nachzuahmen und nachzuleben. Die ausgebreiteten Arme – wer die Arme ausbreitet, der macht sich verletzbar und Christus mit den ausgebreiteten Armen hat die Herzwunde, wenn er die Arme verschließen würde, wäre er nicht durchbohrbar gewesen. Meine Kirche soll ausgebreitete Arme haben, verletzbar sein. Was sie braucht: Möglichst viel Breite, sie wünscht das, aber sie weiß, soll wissen, dass sie das nur kann, wenn sie sehr tiefe Wurzeln hat im Glauben und die Spannung ist ein Dauerauftrag. Und ich stehe sozusagen im meiner Arbeit, in meiner Art Bischof zu sein, im Kreuzungspunkt, der auch ein Kreuzigungspunkt manchmal ist.

Gross:
Stimmen Sie eigentlich Kardinal Schönborn in seiner Analyse zu, dass es nun mehr weg von Traditionschristentum hin zu einem Entscheidungschristentum geht in Zukunft?

Bischof:
Der Trend ist zweifellos so gegeben, aber es wird auch eine kleinere Kirche nicht nur aus Heiligen bestehen, nicht nur aus Leuten, die mit höchster Reflexion und größter Willensanstrengung Prachtchristen und Prachtkatholiken sein werden, sondern die Zahl derer wird wahrscheinlich statistisch, bezogen auf die Gesamtkirche, größer sein als jetzt. Aber es wird immer einer Kirche sein, die gemischt ist. Also eine Kirche von Heiligen, von Sündern, wobei die Heiligkeit und die Sündhaftigkeit oft in derselben Person drinnen sind, in einem Gemengelage.

Gross:
Nun ist in den vergangen Jahren schon vermehrt das Phänomen zu beobachten, dass nicht mehr die unter Anführungszeichen „lauen Taufscheinchristen“ der Kirche den Rücken zudrehen, sondern auch kirchlich seit Jahren stark gebundene Menschen. Fällt es da nicht schwer, von einem neuen Frühling und von einem Gesundungsprozess der Kirche zu sprechen? Wenn die, die schon seit Jahren wirkliche Weggefährten waren, nun auch schon gehen?

Bischof:
Also man kann die Generalsituation nicht auf eine Gruppe reduzieren. Es gibt sozusagen zugleich mehr oder weniger alle Jahreszeiten in einer pluralen Gesellschaft. Großtrends gibt es, zum Beispiel eben den, dass die großen Gemeinschaften, so auch Kirche, kleiner werden, zweifellos. Großtrends gibt’s, insofern die ganze Gesellschaft pluraler wird und auch eine Kirche, die groß ist, weiterhin die größte Gemeinschaft in Österreich, auch in sich sehr plural ist, Gegensätze in sich hat und dass auch Leute auf hohem Niveau, auf hohem intellektuellen Niveau, auf hohem moralischen Niveau, aus der Kirche auswandern, gibt’s. Und umgekehrt gibt’s auch Leute, die auf hohem Niveau drinnen sind. Ich kenne Leute, junge Leute, sehr kritische, die sagen: Grad jetzt möchte ich einen Blick auf die Gesellschaft, von der ich ein Teil bin, und die ich kenne, möchte ich der Kirche helfen und werde Schritte zur Mitte tun. Andere sagen: Grad jetzt, wo ich die Kirche so sehe und weil meine Wünsche nicht erfüllt werden, die heißen Eisen nicht rapide abgekühlt werden, werde ich auswandern, aus der soziologischen Gemeinschaft und bleibe dann, so sagen auch viele, noch gläubig, was immer das heißt und das kann man ihnen auch nicht absprechen, nicht wahr.

Gross:
Die Zahl der Kirchenbesucher, der Messbesucher, fällt laut den Ergebnissen der kirchlichen Zählsonntage ja sogar noch stärker als die Gesamtzahl der österreichischen Katholiken. Die Messfeier als das spirituelle Kernangebot der katholischen Kirche wird also immer weniger angenommen.

Bischof:
Man sollte nüchtern sagen, dass diese bewährten Parameter für die Stärke der katholischen Kirchlichkeit, die es noch für 50 Jahren gegeben hat, heute nicht mehr greifen. Man kann daraus auch nicht sagen, wenn diese Parameter nicht stark entwickelt sind, ist die Kirche schwach. Was waren die Parameter vor 50 Jahren: an jedem Sonntag an der Messe teilnehmen, viele Kinder haben und am Freitag kein Fleisch essen. Das Fleisch essen hat am frühesten aufgehört, und das andere kennen Sie auch. Also der Kirchenbesuch in dieser pluralen Gesellschaft, auch mit ihren Freizeitgewohnheiten, kann nicht mehr der Hauptparameter sein, wenn’s drum geht zu fragen: Wie viele Katholiken gehen an jedem grünen Sonntag in die Kirche? Man muss da aber schon fragen: Wie viele gehen zu Ostern und zu Weihnachten in die Kirche? Wie viele kommen zu Kasualien, Firmung, Tauffeiern? Da ist die Kirche voll! Wie viele gehen also einmal im Monat? Und das ist ein wichtiger Parameter, weil der Glaube ist Gemeinschaft. Und wenn die Christen glauben, dass alles privat sein könnte, zerfällt die Gemeinschaft.

Gross:
Der Mitgliederschwund verursacht ja auch sinkende Einkommen der Kirche. Wie soll man da reagieren, wo soll man sparen?

Bischof:
Es ist kein galoppierender Schwund zu verzeichnen. In der Steiermark zum Beispiel sind wir momentan stabil, d. h. aber natürlich nicht, dass wir in 10 oder 20 Jahren alle Dienste, die wir auch über die Kirchengrenzen hinaus der Gesellschaft leisten, soziale Dienste und so, im jetzigen Umfang halten werden können. Aber es wird nie so sein dürfen, dass der Denkmalschutz alle Mittel aufzehrt, die man aus einem kirchlichen Grundimpuls für die Hilfe für ärmere Leute braucht.

Gross:
Sie haben, und das ist bei katholischen Bischöfen so üblich, das wird von Ihnen erwartet, mit Ihrem 75. Geburtstag Ihren Rücktritt eingereicht in Rom. Man kann davon ausgehen, dass er nicht sofort angenommen wird, dennoch, einmal wird Rom eine Entscheidung treffen müssen. Sind Sie dafür, dass vor dem Erstellen des üblichen Dreiervorschlags die Meinung des Diözesanvolks noch breiter erhoben wird und soll man das Ergebnis dann nach Rom kommunizieren?

Bischof:
Das jetzige System, dass der Papst frei ernennt, aber vorher viele gefragt werden, hat sich –  auch wenn man auf Österreich schaut in den letzten 30 Jahren, seit ich Bischof bin –  mehrheitlich bewährt. So kann man es daran messen, mehrheitlich, indem man fragt, wo hat es Konflikte gegeben? Wenn Sie das zusammenzählen, wie viele Bischofsitze neu besetzt wurden, oder Weihbischöfe ernannt wurden, kommen Sie drauf: Mehrheitlich hat es keine Konflikte gegeben. Minderheitlich hat es in Österreich bekannte Konflikte gegeben, die das Maß in anderen Ländern übertroffen haben. Wenn Sie das anschauen, wie man in einer so pluralen Gesellschaft, auch pluralen Kirche, Bischof ist, wird man niemanden finden, der es allen recht macht. Aber man wird eine gewisse Breite finden an Bischöfen, die mit dieser Breite und zugleich Tiefe, an der Spannung zwischen beiden, produktiv umgehen. Und auf das kommt es an.

Gross:
Mit Ihrem eingereichten Rücktritt, es ist ja auch nicht sofort damit zurechnen, dass der Rücktritt sofort angenommen wird. Wie stellen Sie sich dazu, wenn der Papst Sie fragt, wenn der Papst mit Ihnen spricht?

Bischof:
Ich bin disponibel. Ich wollte nie etwas werden und habe jede Aufgabe, die ich in 50 Priesterjahren bis jetzt gehabt habe, überraschend bekommen und zum Teil auch gegen meine Einreden. Wo kann ich loslassen und ich spürte einfach als Seelsorger, ich wünsche mir das sogar. Aber ich bin auch disponibel, wenn man mich davon überzeugt, dass ich für einige Baustellen im Rahmen der Bischofskonferenz und in meiner Diözese noch dringend gebraucht werde, bin ich verfügbar, obwohl ich gerne auch nach 50 Priesterjahren und 30 Bischofsjahren mehr von dem wäre, bald schon, was Heinz Nußbaumer in einem berühmten Buch im Titel gesagt hat: „Der Mönch in mir“. Das war ich nämlich immer auch. Ich war immerhin im zweiten Teil meiner Existenz, im Hinterzimmer sozusagen, Mönch. Und habe aus diesen Quellen, die eine mönchische Existenz ausmachen, d. h. Liebe zur Stille, Gebet, geistlichen Lesung, viel Kraft für den Vordergrund und für den Alltag bezogen. Ich hätte nicht die geringsten Sorgen, dass ich dann in ein Vakuum geriete, sondern ich würde dann wie ein Mönch sein und würde aber auch mehr, was ich immer bin, auch Seelsorger sein für Leute aller Bildungsschichten.

Gross:
Herr Bischof ich danke Ihnen für das Interview und wünsche Ihnen alles Gute zum Geburtstag.