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KHG Empfang 2010 - Photographer: Gerd Neuhold , Sonntagsblatt

Ringen um die Zukunft

Ansprache beim Empfang für Lehrende und Studierende der steirischen Universitäten und Fachhochschulen im Refektorium des Grazer Priesterseminars am 10. November 2010

Verehrte Gäste!

Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen zu dieser abendlichen Begegnung und begrüße in Ihrer Mitte
- den Herrn Rektor der Karl-Franzens-Universität, Magnifizenz Alfred Gutschelhofer,
- den Rektor der Universität für Musik und darstellende Kunst, Herrn Professor Georg Schulz,
- den Rektor der Medizinischen Universität, Herrn Professor Josef Smolle,
- die Frau Vizerektorin der Montanuniversität Leoben, Frau Professor Martha Mühlburger in Vertretung von Rektor Professor Wolfhard Wegscheider,
- den Herrn Dekan Professor Franz Heitmeir in Vertretung des Herrn Rektors Hans Sünkel der Technischen Universität Graz,
- den Rektor der Fachhochschule Joanneum, Herrn Professor Karl Pfeiffer,
und die Geschäftsführerin dieser Fachhochschule, Frau Mag. Sabine Paschek,
- den Rektor der Pädagogischen Hochschule Steiermark, Herrn Dr. Herbert Harb,
- den Rektor der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule, Herrn Dr. Siegfried Barones,
- und den Vizerektor der Fachhochschule Campus 02, Herrn Professor Günther Zullus, in Vertretung von Rektor Franz Schrank

Ich begrüße alle hier anwesenden Dekane, Vizerektorinnen und –rektoren, Professorinnen und Professoren der Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen und die Verantwortlichen für die kirchlichen Beziehungen zu unseren Hohen Schulen im Bischöflichen Ordinariat mit Herrn Generalvikar Prälat Burkard und den Bischofsvikaren. Und ich freue mich über die Anwesenheit der Vertreter der Katholischen Hochschulgemeinden in Graz und Leoben und der katholischen Korporationen mit den Hochschulseelsorgern und Studentenseelsorgern Mag. Kölbl, Dr. Plöbst, P. Rauch, P. Schmidt und P. Homann. Wir sind hier Gäste unseres Priesterseminars, dessen Regens Kanonikus Rauch und dessen Studenten als Gastgeber ich hier herzlich grüße und bedanke.

Ein herzlicher Willkommensgruß gilt allen hier anwesenden Studierenden und jedem von Ihnen, meine Damen und Herren, der nicht einzeln angesprochen werden konnte.

1. Einige Wochen nach dem Beginn eines Studienjahres und gegen Ende eines Kalenderjahres kann ich Sie wieder in diesem schönen Raum begrüßen, der jetzt das Refektorium unseres Priesterseminars ist und ursprünglich Speisesaal des Grazer Jesuitenkollegs war, das von Erzherzog Karl II. von Innerösterreich im Jahr 1583 gegründet und im Jahr 1586 zur ersten Grazer Universität mit einer philosophischen und einer theologischen Fakultät erhoben wurde. Hier war also von Anfang an sozusagen akademischer Boden und hier ist am heutigen Abend wieder akademischer Boden durch Ihre Anwesenheit, meine Damen und Herren! 

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie die Einladung zu diesem nun schon traditionellen Konveniat angenommen haben, und ich gestatte mir in Kürze einige Gedanken vorzutragen über das, was uns gemeinsam oder im je eigenen Wirkungsbereich bewegt. Ein Anlass wie dieser gibt Gelegenheit zu einem wenn auch kurzen Rundblick auf die gesamtgesellschaftliche Situation, aber auch auf die Situation der katholischen Kirche und der Religion überhaupt und auf die Situation der Hohen Schulen in Österreich und darüber hinaus. 

Als generaldiagnostische Instrumente werden dabei besonders gerne Begriffe wie Bauplatz und Krise in Anspruch genommen. Ich gestatte mir, in diesem Zusammenhang einige Gedanken aus meiner Grußadresse zu wiederholen, die ich im vergangenen Jahr zum gleichen Anlass hier im Saal vorgetragen habe, weil sie, so scheint mir, immer noch zutreffen. Da hieß es: 

Frau Jeanne Hersch, eine Schülerin von Karl Jaspers, Professorin der Philosophie in Genf und durch Jahre auch Generaldirektorin der UNESCO, hat mir vor Jahren bei einem Symposium in Frankreich gesagt: „Sie haben es heutzutage als Bischof sehr schwer, weil nichts mehr selbstverständlich ist.“ Dieses Logion hat seither, so glaube ich, nichts an Aktualität verloren, und zwar nicht nur für die katholische Kirche, sondern für die ganze Gesellschaft. Unsere ganze Gesellschaft ist ein Ensemble vieler Bauplätze und sie ist von einer Stabilitätskrise erfasst, die vordergründig vor allem wirtschaftliche Ursachen und Auswirkungen hat, aber auch weit in metaökonomische Dimensionen hineinreicht. Im globalen Horizont ist diese Krise der westlichen Welt umgriffen vom Problem des Klimawandels und des Hungers, der eine Milliarde von Menschen bedroht. Hilfreich in der jetzigen Situation erscheint mir das Fehlen apokalyptischer Schauer. Nachdem sich Utopien verbraucht haben, dominiert ein unpathetischer Pragmatismus. Dieser Pragmatismus ist zwar in großer Gefahr, sich ethische Ressourcen zu entziehen, wenn er keine Allianzen mit sinnstiftenden Kräften in Kultur, zumal auch in Kunst und Religion, zuwege bringt. Er kann aber jenseits fiebriger Utopien zu einem idealistischen Realismus gedeihen, der heute angesichts vieler alter und neuer offener Fragen besonders notwendig erscheint. 

Soviel aus meiner Grußadresse vom vergangenen Jahr. 

2. Die Universitäten, denen Sie – meine Damen und Herren – angehören, sind heute als Bauplatz besonderer Art mit einer Reihe neuer finanzieller, organisatorischer und struktureller Herausforderungen konfrontiert. 
Der Grazer Theologe Professor Rainer Bucher hat vor kurzem in einem Aufsatz in „Stimmen der Zeit“ über das Beziehungsdreieck Universität, Kirche und Gesellschaft auf eine fundamentalere Herausforderung an die Universitäten Bezug genommen durch den Hinweis auf die mehrfach vertretene These, dass die Universität ihr eigenes Bild von sich verloren habe und daher in der Außenperspektive zum Sanierungsfall und damit zum Gestaltungsraum von Technokraten und Ministerialbürokratie mit Gestaltungswillen und Erfahrungen in Verwaltungsreformprozessen geworden sei. Hier wird auch der ehemalige deutsche Kulturstaatsminister und Philosoph Julian Nida-Rümelin zitiert, der dies auf die Formel gebracht hat, der Bolognaprozess atme den Geist von Mc Kinsey und nicht den von Humboldt und präsentiere sich nicht als Fortschreibung der großartigen europäischen Wissenschaftsgeschichte seit der Renaissance, sondern als Kopie einer vermeintlich überlegenen transatlantischen Konkurrenz. 

Meine Damen und Herren!
Ich verfüge nicht über die Sachkompetenz, um im Ringen um die Zukunft der Hohen Schulen konkrete Ratschläge geben zu können. Ich bin aber davon überzeugt, dass eine der Prioritäten für Kultur und Politik in diesem Bereich liegen muss und dass dies ebenso einen hohen denkerischen wie finanziellen Einsatz erfordert, der gerade jetzt wieder in Frage steht.

Wir leben in einer Zeit, in der die Menschheit als ganze über ungemein viel mehr Wissen verfügt als jemals vorher. Es ist dies einerseits das Wissen der empirischen Wissenschaften, das für unsere Gesellschaft von elementarer Bedeutung ist. Andererseits ist es das Wissen der Philosophie, der humanistischen Wissenschaften und der Theologie. Wenn dieses Wissen anderer Art aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt wird, dann würde es kälter werden in unserem Land, in unserer Gesellschaft und es würde viel von dem vergessen werden, was zum humanisierenden Patrimonium der Menschheit gehört. Im Panorama unserer Hohen Schulen sind die Theologischen Fakultäten wesentliche Faktoren, um diesen Diskurs in Gang halten zu helfen.

3. In diesem Zusammenhang verdient besondere Beachtung, was der deutsche Wissenschaftsrat in seinen umfangreichen Thesen zur zukünftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland im Jahr 2000 über Theologie im staatlichen Hochschulsystem gesagt hat. Es heißt dort (Seite 58) zusammenfassend wörtlich:

Daher ist der Wissenschaftsrat zu der Überzeugung gelangt, dass der zentrale Ort der christlichen und nichtchristlichen Theologien das staatliche Hochschulsystem darstellt. In der Regel sollte eine Verankerung von Theologien – gleich welcher Konfession oder Religion – im staatlichen Hochschulsystem Priorität vor der Neugründung eigener privater Hochschulen der Kirchen und Religionsgemeinschaften haben. Der Wissenschaftsrat empfiehlt die weitere Entwicklung der Theologien im Kontext der anderen Wissenschaften in den staatlichen Hochschulen und plädiert nachdrücklich für den bedarfsgerechten Umbau christlicher Theologien und die bedarfsgerechte Etablierung nichtchristlicher Theologien an deutschen Hochschulen.

Die Ausgrenzung der Theologien in eigenständige kirchliche Institutionen kann der Abschließung der jeweiligen Religionsgemeinschaft gegenüber der Gesellschaft Vorschub leisten. Daher haben Staat und Gesellschaft auch ein Interesse an der Einbindung der Theologien in das staatliche Hochschulsystem. Die Integration der Theologien stellt sicher, dass die Gläubigen ihre faktisch gelebten Bekenntnisse im Bewusstsein artikulieren, von außen auch als historisch kontingent betrachtet werden zu können. Sie konfrontiert die Religionsgemeinschaften mit der Aufgabe, ihren Glauben unter sich wandelnden Wissensbedingungen und –horizonten immer neu auslegen zu müssen. Dies kann am besten unter den an Universitäten geregelten Bedingungen wissenschaftlicher Kommunikation und Erkenntnisproduktion gelingen. Damit beugen Staat und Gesellschaft auch Tendenzen zur Vereinseitigung und Fundamentalisierung von religiösen Standpunkten vor.

Soviel aus den Thesen des Deutschen Wissenschaftsrates betreffend Theologie im staatlichen Hochschulsystem. Zum selben Thema habe ich bei einer ökumenischen Tagung am 9. Juli heurigen Jahres in der Aula der Karl-Franzens-Universität gesagt:

Akademische Theologie wird in den deutschsprachigen Ländern mit einem besonderen Rang an den staatlichen theologischen Fakultäten betrieben. Eine solche Theologie wäre allein durch Konkordate und ähnliche Verträge nicht überzeugend legitimiert, wenn sie es nicht verstünde, als Gesprächspartnerin im Diskurs innerhalb der Universität und im öffentlichen Diskurs der Zivilgesellschaft wahrgenommen und ernstgenommen zu werden. 
Die katholisch-theologischen Fakultäten in Österreich stellen sich dieser chancenreichen Herausforderung. Seit Jahren sind sie daher auch vielen Fragen zugewendet, die für die Gesellschaft im Ganzen relevant sind, und haben diesbezüglich weithin geschätzte Dienste geleistet. Die Kraft zu solchen allgemein relevanten Diensten bleibt ihnen aber auf Dauer nur dann gegeben, wenn sie ihre christliche und zumal auch kirchliche Identität bewahren. Die einer staatlich-theologischen Fakultät in Bindung an das kirchliche Lehramt aufgegebene Spannung zwischen Wissenschaft und religiösem Glauben, zwischen säkularen Erfahrungen und der Einwurzelung in kirchlichen Bindungen kann zu Konflikten führen. Diese Spannung ist aber für alle Beteiligten spirituell und kulturell in aller Regel fruchtbar. 

Eine solche Fakultät ist auch ein Remedium gegen den Versuch, Religion auf ein Element der Privatsphäre zu reduzieren. Eine Gesellschaft, die versucht, alte und neue Religion generell ins Private abzuschieben, um sich vermeintlich Probleme zu ersparen, begibt sich vieler humaner Ressourcen und trägt nicht zum Frieden durch eine Aufklärung bei, die sowohl der Religion, und zwar nicht nur der christlichen Religion, wie auch der Zivilgesellschaft unabweisbare Aufgaben stellt. 

Soviel aus meinem Statement in der Aula der Karl-Franzens-Universität. Es sollte keineswegs als Plädoyer für ein Theologiemonopol staatlicher Fakultäten verstanden werden, wohl aber als entschiedenes Eintreten für diese Fakultäten.

4. Am Schluss möchte ich Ihren Blick auf meine/unsere katholische Kirche lenken. Das Diagnosewort Krise ist hier im Blick auf große Teile Europas durchaus angemessen, auch wenn es angesichts vieler Abbrüche und Umbrüche die Achtsamkeit auf unzählige Lebenskeime und neue Aufbrüche behindern kann. Der nun offenbar gewordene unverantwortliche Umgang mit schweren Verfehlungen vor allem von Klerikern gegenüber jungen Menschen in der Vergangenheit hat viel Vertrauen in die Kirche zerstört und viele Menschen bewegt, sich von der Kirche abzuwenden. Viel mehr Menschen verlassen die Kirche aber, weil es aus vielen Gründen nicht gelungen ist, ihnen die Schönheit und Tiefe des Evangeliums und des christlichen Glaubens daran zu erschließen. Die Kirche geht jetzt – bildhaft gesprochen – durch –Feuer und Wasser. Das Feuer kann zerstören, aber es kann ebenso edles Erz von Schlacke trennen. Und das Wasser kann zum Grab werden, aber auch Lebenselixier sein. Die Kirche in Europa wird aus den jetzigen Krisen gewiss schmäler, aber – so hoffe ich inständig – geläuterter, heiliger hervorgehen, wenn die Zahl jener Christen anwächst, die das Christsein wirklich ernst nehmen und die so glauben, dass sie für andere eine Einladung sind, auch zu glauben oder wenigstens Gott zu suchen auf dem Weg, den Christus gezeigt hat. Fehler und Schwächen der Kirche will ich nicht kleinreden. Aber auch das unzählige Gute, das heute täglich gelingt, sollen wir nicht kleinreden lassen im öffentlichen Diskurs. Die Kirche ist z.B. weltweit auch heute so etwas wie eine Großmacht der Barmherzigkeit. Das erlaubt keinen Stolz, wohl aber eine demütige, fröhliche Dankbarkeit gegenüber Gott und einen aufrechten Gang inmitten einer pluralen Gesellschaft, wo Christen Allianzen für das Gute suchen und immer wieder auch finden.

Ich danke besonders auch Ihnen, meine Damen und Herren, für alle Allianzbereitschaft seitens unserer Hohen Schulen.