Predigt beim Jubiläumsgottesdienst am 25. September 2011 im Grazer Dom

Liebe hier versammelte Christen, Brüder und Schwestern!
Und in Ihrer Mitte die Brüder im Amt des Bischofs, Priesters oder Diakons,
die Ordensfrauen und Ordensmänner,
die Priesterkandidaten,
die Frauen und Männer, die vielfältige Verantwortung in den Pfarren und anderen Institutionen und Werken unserer Diözese übernommen haben,
die Brüder und Schwestern aus der christlichen Ökumene,
und Sie, geehrte Repräsentanten der Politik aus Land, Stadt und Gemeinden
und Verantwortliche in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien!
Und zusammenfassend Sie alle, die das bunte und breite Spektrum von Kirche und Gesellschaft in unserem Land darstellen!

Der mir besonders verbunden gewesene Theologe von Weltrang, Hans Urs von Balthasar, wurde im Jahr 1975 aus Anlass seines 70. Geburtstages gefragt, ob er im Rückblick in Kürze etwas Bilanzierendes sagen wolle. Balthasar antwortete, er könne nicht die Wurzel aus sich selbst ziehen. Er habe aber in all seinen Jahren als Priester nichts anderes gewollt, als ein Zeigefinger zu sein, der auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus hinweist. Balthasar erinnerte so an den weltbekannten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald in der elsässischen Stadt Colmar. Das zentrale Bild dieses Altars zeigt die ragende Gestalt des Täufers Johannes, der unter dem Kreuz Christi steht und mit dem expressiv verlängerten Zeigefinger seiner rechten Hand eindringlich auf Christus hinweist. Der Maler Grünewald hat darunter den lateinischen Text einer Selbstaussage des Täufers geschrieben, die uns im Evangelium überliefert ist: „Illum oportet crescere, me autem minui“ (Joh 3,30). „Jener (der Christus) muss wachsen, ich muss mich zurücknehmen.“ Unser Herr Weihbischof Franz Lackner hat dieses Wort des Täufers Johannes als sein bischöfliches Leitwort gewählt.

Der Wunsch, ein Johannesfinger zu sein, der auf Christus hinweist, ist eigentlich ein Programm für jeden Priester und Bischof. Als ich im Dezember 1981 einen Wahlspruch für meinen bischöflichen Dienst zu finden hatte, habe ich daher ein auf Christus bezogenes Wort aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus gewählt. Es lautet: „Omnia vestra – vos autem Christi“, auf Deutsch: „Alles gehört Euch, Ihr aber gehört Christus.“

Paulus hat dies den Christen der damals noch kleinen Gemeinde in der wichtigen Hafenstadt Korinth geschrieben, die im Schnittpunkt vieler Land- und Seestraßen gelegen war und daher ein großer Markt von Waren und ein Feld der Begegnung, aber auch der Konkurrenz sehr verschiedener Religionen, Philosophien und Lebensmodelle gewesen ist. In manchem lässt sich die damalige plurale Gesellschaft in Korinth mit unserer heutigen Gesellschaft in Europa und auch in Österreich vergleichen. In diese Situation hinein hat Paulus den Christen gesagt, dass ihnen prinzipiell die ganze Fülle der Weltwirklichkeit offen steht. „Alles gehört Euch“ – „Omnia vestra“. Diese generelle Zusage wird dann ausgefächert, indem Paulus sagt, was da in Breite und Tiefe gemeint ist: „Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben und Tod, Gegenwart und Zukunft, alles gehört euch.“ Nichts wird hier also ausgeblendet, aber alles steht unter einer alles einschließenden und überbietenden Bedingung und Perspektive: „Ihr aber gehört Christus“, sagt der Apostel abschließend und weist so einen Weg für das Leben und den Glauben der Christen von damals und von heute.

Liebe Christen!
Ich hoffe auf Ihr Verständnis dafür, dass ich zum heutigen Anlass selbst die Predigt halte und dass daher der Versuch einer Aufzählung der Stationen meines bisherigen Lebens als Christ, Priester und Bischof und der Versuch einer Würdigung dessen, was dabei besonders gelungen oder misslungen erscheint, unterbleiben kann. Einiges Wenige aus meiner Biographie will ich dennoch erzählen.

Es gibt zahlreiche Berichte über den Anfang von Berufungen zum sakramentalen Priestertum oder zum Ordensstand. Oft habe ich in Firmpredigten versucht, eine genial erfundene Szene aus dem Film von Zeffirelli über Franz von Assisi nachzuerzählen. Da wird beschrieben, wie der spätere Heilige an einem Sonntag zum Gottesdienst in den Dom von Assisi eingekehrt ist. Die Kamera schwenkt hinein in die versammelte Gemeinde zu Gesichtern, die wenig Betroffenheit durch das Heilige zeigen, das hier am Altar geschieht. Der Bischof ehrt den Altar durch viel Weihrauch und eine dichte Wolke dieses Weihrauchs steigt empor und hüllt ein riesiges romanisches Kruzifix ein, das über dem Altar hängt. Der Christus an diesem Kreuz ist dargestellt wie ein König mit Königsmantel und Krone, aber mit geschlossenen Augen wie ein erhabener Toter, damals schon 1200 Jahre nach seinem Tod. Plötzlich aber spaltet sich im Film der Nebel. Der Christus öffnet für einen Moment die Augen und schaut nur den jungen Franziskus an, der noch seinen Weg in die Zukunft sucht. Die anderen Menschen im Dom merken nichts davon. Dieser Blick Christi verwandelt den Franziskus, macht ihn zum Jünger. Die weitere Geschichte seit 800 Jahren kennen wir, sie wird immer noch fortgesetzt in der franziskanischen Bewegung und über sie hinaus.

Meine eigene Berufung zum Weihepriestertum war von außen gesehen nicht spektakulär, aber sie war von Anfang an auf Christus und auf die Eucharistie bezogen. Dazu kam die Entdeckung der Literatur des sogenannten „Renouveau catholique“ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Schriftsteller Paul Claudel, Georges Bernanos, Graham Greene, Reinhold Schneider, Gertrud von Le Fort, Werner Bergengruen und viele andere – waren fast alle Konvertiten zur katholischen Kirche. Sie haben mir schon in der Gymnasialzeit geholfen, mein noch schwaches katholisches Selbstbewusstsein zu stärken und zu entwickeln. In den Jahren des Hochschulstudiums kam die Prägung durch die zwei großen gegensätzlichen Theologen Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar hinzu, denen ich später als Studentenpfarrer auch persönlich nahe gekommen bin. „Fides et Ratio“ – „Glaube und Vernunft“ – dieses spannungsreiche Begriffpaar stand schon in den letzten Gymnasialjahren und dann während des Hochschulstudiums und in den 18 Jahren als Studentenpfarrer unabweislich in meinem Horizont. Das war aber immer schon geerdet durch viele Monate der Ferienarbeit auf einem südsteirischen Bauernhof und dann in obersteirischen Industriebetrieben.

Fides, Ratio et Labor – Glaube, Vernunft und Arbeit – das reicht aber noch nicht aus für eine wirklich christliche Synthese, sondern braucht dazu noch die Offenheit für das, was Paulus im 13. Kapitel seines ersten Korintherbriefes zur Sprache bringt mit den Worten: „Das Größte aber ist die Liebe.“ Liebe als Solidarität mit armen Menschen, Liebe als Barmherzigkeit haben mir meine Eltern ganz ohne Theorie und ohne ausdrücklich kirchlichen Kontext überzeugend vorgelebt. Jahrzehnte später habe ich dann ein Wort der seligen Mutter Teresa von Kalkutta zur Kenntnis bekommen, die darüber gesagt hat: „Man muss helfen, bis es wehtut.“ Von diesem Helfen dürfen sich kein Christ und keine christliche Gemeinschaft dispensieren. Und ich bekunde gerade heute, da die katholische Kirche in Europa und darüber hinaus wegen bekannter Fehler, die wir nicht zudecken dürfen, an den Pranger gestellt ist, meine auf Empirie begründete Überzeugung, dass unsere Kirche zugleich eine Großmacht der Barmherzigkeit ist, was freilich niemanden in ihr zu einer selbstzufriedenen Bequemlichkeit oder gar zu dummer Arroganz verleiten dürfte.

Liebe Christen, Brüder und Schwestern!
Ein Priester- oder ein Bischofsjubiläum ist heute kein Anlass zu einem trompetenhaften Jubel, aber es ist ein Anlass zu dankbarer Freude über das, was der Kirche in den Jahren und Jahrzehnten vorher mit Gottes Hilfe an Gutem gelungen ist. Hinter uns liegen Jahrzehnte, die trotz mancher Schwierigkeiten durch Aufbrüche und viel gute Ernten geprägt waren. Die Gegenwart ist eher durch Umbrüche und auch durch wehtuende Abbrüche geprägt. Inmitten einer vielfach instabilen säkularen Gesellschaft ist auch die Kirche in ihrem Gleichgewicht vielfach bedroht. Als Leitwort kann uns da ein portugiesisches Sprichwort begleiten, das Paul Claudel seinem Hauptwerk „Der seidene Schuh“ vorangestellt hat. Es lautet: „Gott schreibt gerade auch auf krummen Zeilen.“ Viele Christen sind heute fixiert auf die Krümmung der Zeilen und sind blind für das, was Gott da dennoch gerade schreibt. „Schon wächst Neues; merkt ihr es noch nicht?“, hat ein biblischer Prophet gesagt, und das gilt auch für uns in der Steiermark.

Das Neue wächst in der Kirche heute aber nicht vor allem in einer zweidimensionalen Erstreckung, sondern eher in der „Dimension Tiefe“. Die Kirche wird in Europa schmäler, aber es steht uns nach meiner Überzeugung nicht zu, ihre Breite leicht aufzugeben. Ohne Stärkung der Tiefe ist aber eine weit reichende Breite nicht möglich. Auf alle Getauften, auch auf jene, die dem Christentum gegenüber gleichgültig geworden sind, hat Christus seine Hand gelegt, und er zieht sie nicht zurück, auch wenn sich solche Menschen aus dem Schutz durch diese Hand entfernen.

Die Kirche erscheint mir schon gar heute als ein Gefüge von konzentrischen Kreisen. Ihre Mitte ist der gekreuzigte und auferstandene Christus. Er breitet die Arme nach allen Seiten hin einladend aus. Sein Kreuz ist eingewurzelt in die Erde und ragt nach oben in den Himmel hinein. Am nächsten der Mitte sind jene Christen, die die herausfordernde und läuternde Wahrheit des Evangeliums am radikalsten angenommen und dabei verstanden haben, dass der unergründliche Gott in seiner tiefsten Tiefe Liebe ist und dass die Nachfolge Christi Liebe braucht, besonders auch zu den Fernstehenden und zu den Sündern, für die in der Mitte der Kirche auch stellvertretend gebetet und geopfert wird, wie es die großen Heiligen aller Epochen exemplarisch getan haben.

Die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts wurde mit vielen Attributen bezeichnet, die auch heute ein gewisses Recht haben. Man nannte oder nennt sie eine reißende, eine bleierne, eine dürftige Zeit oder allgemeiner gesagt: eine Spätzeit. Der Apostel Paulus aber hat von seiner Zeit als hochwillkommene Zeit gesprochen (vgl. 2 Kor 6,2), weil er in ihr Gott am Werk sehen wollte und konnte. Jedenfalls leben wir heute in Europa in einer Phase des Übergangs für die Kirche, in einer Zeit nicht so sehr der Sprünge, sondern der beharrlichen kleinen oder auch größeren Schritte. Ich bitte Sie alle, liebe katholische Christen herzlich, dass wir dabei hellsichtig und in aktiver Geduld miteinander auf dem Weg bleiben und uns trotz bekannter Schwierigkeiten nicht auseinanderdividieren lassen.

Liebe Christen!
Fünfundsiebzig Jahre waren mir bisher zugemessen mit vielen guten und auch mit schwierigen Tagen. An diesem Tag im eben begonnenen Herbst, der jedenfalls mit einem Erntedank an Gott und mit der Bitte um Vergebung für Versäumtes oder falsch Getanes verbunden ist, nehme ich im Blick auf die mir anvertrauten Christen und ihre Gemeinden ein Wort des heiligen Bischofs Augustinus aus dem 5. Jahrhundert zu Hilfe. Er hat am Schluss seines Hauptwerkes „De Civitate Dei“ gesagt: „Nun habe ich also mit Gottes Hilfe dieses Werk abgeschlossen. Wem es zu viel oder zu wenig ist, der verzeihe mir. Wem es aber genügt, der danke nicht mir, sondern Gott mit mir.“ Das spreche ich hier nach, auch wenn mein Werk zeitlich nicht abgeschlossen ist und immer nur ein nicht glorioses Fragment bleiben wird. Augustinus hat dann seinem bilanzierenden Wort wie ein Siegel ein zweifaches Amen hinzugefügt: „Amen. Amen.“ Um ein solches gütiges Amen Gottes für uns alle und so auch für mich in Ihrer Mitte bitte ich und hoffe darauf.