Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Und hier ist der Text zum Nachlesen:
„Lebenslieder“
Eine der berührendsten Geschichten in meiner Ausbildungszeit zum evangelischen Pfarrer, habe im Altersheim erlebt. Kurz bevor der Gottesdienst begann, wurde eine alte Frau von der Pflegerin im Rollstuhl von hineingefahren. Ich nahm mir ein Liedblatt und ging auf die Frau zu, lächelte sie an und strecke es ihr entgegen. Sie aber nahm mich nicht wahr. Die Pflegerin meinte, das sei ganz normal bei ihr, sie sei nicht mehr ganz da... Etwas verlegen kehrte ich nach vorne zurück und begann den Gottesdienst zu feiern. Dann geschah etwas erstaunliches: Beim Beten des Vater unser, und beim Singen des Abschlusslieds – geh aus mein Herz und suche Freud“ – da bewegte sich ihre Lippen – und einzelne Wörter erklangen hörbar. Die Pflegerin erklärte mir nachher, sie sei zeitlebens, schon als Kind in die Kirche gegangen, und hier erwache immer wieder eine ganz alte, tiefe Erinnerung in ihr. Lieder erinnern uns an Gefühle, an Situationen, Orte, an Menschen. Ja Lieder lassen sie uns noch einmal erleben. Und, welches ist ihr Lebenslied?
„Höhen und Tiefen“
Musik und Lieder umfassen unser ganzes Leben. Sie können meine tiefsten Tiefen – und meine Höchsten Höhen einfangen und zum Klingen bringen.
Meiner Erfahrung nach gibt es Lieder, die man mag, und dann doch irgendwie wieder nicht. Wenn ein Mensch gestorben ist, dann frage ich im Seelsorgegespräch davor immer, welches Lied er oder sie gerne mochte, ob es ein Lied gibt, dass sie mit ihm oder ihr verbinden? Das für ihn bzw sie steht?
So ein Lied gibt es meistens. Ein Lied, dass wir bei der Trauerfeier, bei der Beerdigung ganz bewusst und oft sehr tränenreich zum Erklingen bringen. Und dann kommt es vor, dass die Angehörigen mir später erzählen, dass das ein intensiv traurig-schöner Moment war. Und dass sie dieses Lied nun nicht mehr hören können.
Lieder drücken das Innerste in uns aus – und manchmal haben sie ihren Ort, ihre Funktion in der Vergangenheit. Sie umfassen, sie umschließen ein Erlebnis, eine Phase unseres Lebens. Das Lied hilft uns, zu wissen, dass meine Erinnerung geparkt ist – und wie ich sie, wenn ich will, wieder zu mir holen kann.
„Wer singt, betet doppelt“
"Qui cantat, bis orat." Das heißt: „Wer singt, betet zweimal.“ Das wusste schon der alte Kirchenlehrer Augustinus von Hippo, immerhin schon vor 1600. Wer singt, betet doppelt: Seine Idee dahinter: Musik verstärkt das Gebet, weil zu den Worten automatisch Emotionen und Hingabe hinzukommen - und hörbar einfließen.
Lieder geben Erlebten eine Stimme. Zum Beispiel: Sklaven und Sklavinnen im 17. Jahrhundert in den USA ihrer Not und Hoffnung In sogenannten spirituals eine Stimme verliehen. "Swing Low, Sweet Chariot" – oder go down Moses – let my people go!” Die Sklaven und Sklavinnen sangen auch Flucht- und Protestlieder: diese enthielten versteckte Botschaften über Fluchtwege. Z.B: Wade in the water – als Überlebenstipp, bei der Flucht nur im Wasser zu laufen, damit die Spürhunde die Fährte nicht aufnehmen konnten. Trotz ihrer grausamen Lage war das Singen eine Möglichkeit, ihre Menschlichkeit zu bewahren. Musik war und ist auch eine Form der seelischen Widerstandskraft. Wer singt betet doppelt – es hat und hatte auch doppelten Effekt: Mein Leid zu klagen, und Mut und Hoffnung bekommen - für die Zukunft
„Ich kann nicht singen“
In meiner Jugend wurde ich mit 15 nach meiner Konfirmation selbst Konfi-Teamer. In einem tollen und jungen Team haben wir mit fast gleichaltrigen über Gott und die Welt geredet, nach dem Sinn des Lebens und nach Gott gesucht. Und wir sangen, viel und oft. So auch ich – bis sich eine ältere Konfi-Teamerin zu mir einmal umdrehte und sagte: Marcus, hör auf, du kannst nicht singen. Das hat gesessen. Es war wohl keine böse Absicht, aber ich habe danach 6 Jahre nicht mehr gesungen. Viele kennen solche Verletzungen, haben sie selbst erlebt. Ich meine: Es ist gefährlich, jemanden zu sagen, er:sie kann nicht singen. Singen ist kein mechanischer Vorgang. Beim Singen erklingt etwas in mir, singen hat mit mir, meiner Person, meinem Innersten zu tun. Es erklingt auch meine Seele. Singen hilft mir psychisch – wer singt, spürt weniger Angst und kann Not und Leid von der Seele singen. Singen stiftet Gemeinschaft – wo singen wir heute noch gemeinsam? Wer einmal gemeinsam beim Lagerfeuer saß und mitsang oder nur lauschte spürt das – wenn wir das Singen verlieren, dann werden wir als Menschen und als Gemeinschaft ärmer.
Pfarrer Marcus Hütter