Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Liebe Schwestern und Brüder, an diesem festlichen gemeinsamen Abend hier in der Domkirche zu Graz - besonders liebe kostbare jubilierende Edelsteine gottgeweihten geistlichen Lebens inmitten des wertvollen Miteinanders in unserer Diözese.
Im Blick auf gottgeweihtes Leben, im Blick auf geistliches Leben, im Blick auf unterschiedlichste Erfahrungen in der Nachfolge Jesu Christi gibt es in unserem Leben, gibt es in Ihrem eigenen Lebensweg Momente, die man nie vergisst. Momente, wo Gott berührt, am Anfang immer wieder an verschiedensten Wegstrecken und markanten Stationen, wo Gott immer neu anspricht, wo Gott auch eingreift.
Immer wieder gibt es Momente im Leben, wo es Veränderungen gibt, wo Gott mit uns am Werk ist und uns zum Aufbruch fordert - uns vielleicht auch zu neuem Aufbruch herausfordert - gibt es Momente, wo es loszulassen gilt, um wieder Neues zu ergreifen, um wieder neu zu beginnen.
Der heutige Tag erinnert mich an einen Tag vor einem Jahr, am 31. Jänner, wo öffentlich geworden ist, was mich die Tage davor zutiefst beschäftigt hat, dass ich mich neu Gott stellen muss, dass Gott in mein persönliches Leben eingegriffen hat, ohne es jemals beabsichtigt haben zu wollen. Das Wort „sie haben ihr Leben Gott geweiht“, „die Kirche braucht sie“, „der Papst bittet sie“, „der Obere, die Obere bittet sie“, das sind immer wieder Momente, wo mitunter kein Stein auf dem anderen bleibt, im Blick auf unsere eigenen Vorstellungen. Dann werden wir herausgefordert, dass wir wieder geschehen lassen, dass wir uns wieder bewusst machen, dass ich mir bewusst mache, ja, mein Leben habe ich einem Herrn geschenkt. Ihm möchte ich tagtäglich folgen, sich nicht gegen Gott zu stellen, gegen das Leben zu stemmen, sondern geschehen zu lassen, ist wahrscheinlich im Blick auf die unterschiedlichen Erfahrungen, die heute so verdichtet in unserem Toben gegenwärtig sind, etwas ganz Wesentliches und Tiefes – geschehen lassen.
Und dabei vielleicht auch das Wort des neuen Erzbischofs Josef in Wien in Erinnerung: „Gott braucht uns nicht perfekt, sondern verfügbar!“. Das ist oft auch die Stimme von Ordensoberen, Frauen und Männern, die die größere Verantwortung im Blick haben. Es geht nicht um Perfektionismus, sondern es geht um Verfügbarkeit, um sich an einen Ort hinstellen zu lassen, wo Gott einen braucht. Und natürlich braucht es das geschwisterliche Gespräch, umeinander voranzubringen, damit Gott aufleuchten kann, damit uns klar wird und eine Klärung geschehen kann, wo ist der Ort, wo Gott mich weiterführt.
Ich möchte heute an einen Großen unserer Kirche erinnern, der nicht groß ist durch seine Bekanntheit über unser Land hinaus aber der heute verstorbene Bischof Maximilian Aichern war ein Ordensmann unserer Diözese. Und wenn wir heute auf sein Leben schauen, das nun in seiner ganzen Fülle leuchtet und das von Gott ein volles Ende gefunden hat in Bergen der Liebe und strahlendem Licht, dann leuchtet wohl auf, was es heißen kann, verfügbar zu sein, was es heißen kann, dass man geschehen lässt.
Denn er gibt uns ein Beispiel, verwurzelt in einer Ordensgemeinschaft, in einem Ort mit Stabilitas loci in unserer Diözese und dennoch, er bricht auf und verwurzelt sich ganz neu. Er beginnt Neues ganz und gar. Und Unterschiedliches kann man vielleicht im Blick auf seine Charaktereigenschaften in Erinnerung rufen, aber was viele sagen, ein bescheidener Mensch. Und wer ihn kennenlernen durfte, der hat das Erfahren, ein bescheidener und geerdeter Mensch. Und so werden wir hingeführt zum lateinischen Wort humilitas, humus, erdverbunden.
Die Demut ist wahrscheinlich eine solche Orientierung, die immer hilft, wenn Gott anklopft. Die Demut, die Bescheidenheit, das leichte Gebäck, das er von seinen Schultern lastet und ruht, ist vielleicht immer wieder so ein Orientierungspunkt, wenn es heißt, von Gott gerufen, wiederum neu aufzubrechen. Und das ist sicherlich auch eine Lebenswirklichkeit, die euch, die uns nahekommt.
Humilitas, Demut, hilft uns, immer wieder auch uns dort zu verwurzeln, wo Gott uns hinstellt. In diese ganz konkrete Gemeinschaft, an diese ganz konkrete Wirkungsstätte unseres Ordens, in diese ganz konkrete Aufgabe, in diesen Dienst, in den ich gerufen worden bin. Wenn wir heute miteinander dankbar „Gott geweihtes Leben“ in den Blick nehmen, wenn wir dankbar sind mit jenen, die vielleicht auf Jahre, Jahrzehnte schauen dürfen, dann dürfen wir genau dankbar sein, dass ihr diese Momente nie übersehen habt, die Momente, die euch bewusst gemacht haben im Blick auf die Anfrage Gottes: ich muss loslassen und geschehen lassen, um Neues zu beginnen. Ich muss verfügbar sein und nicht perfekt. Ich darf mich als Werkzeug verstehen, durch das Gott arbeitet, wirkt und seine Dienste tut. Ich darf immer wieder auch mich verwurzeln, im Wissen und Vertrauen aber, dass diese Verwurzelung und Beheimatung nie endgültig ist.
Vor einigen Wochen war ich in einer Schwesterngemeinschaft zu Gast und nach dem Gottesdienst haben wir gefrühstückt und irgendwann wurde auch gesagt, so schade, dass bei uns es scheinbar nicht mehr weitergeht. Gott sei Dank in anderen Kontinenten wird unser Orden gebraucht, wieder lebendig, aber einfach ist es nicht zu wissen, nach uns kommt niemand mehr. Und in diesem Gespräch wurde auch mir ein Gedanke von Gott geschenkt, den ich weitergegeben habe an die Schwestern, dass ich gesagt habe: letztlich braucht jede Schwester von euch nur ihr Lebens- und Glaubenswerk im Blick zu behalten und es weiter voranbringen. Im Vertrauen, dass Gott das größere Ganze, dass Gott sein Werk im Blick hält. Und wenn Gott das größere Ganze immer wieder im Blick behält, dann weiß er auch, wo welche Berufung zu welcher Zeit notwendig ist und an welchem Ort. Und Gott wird sehr wohl zum Leuchten bringen, was das je eigene Lebens- und Glaubenswerk dazu beigetragen hat, dass das größere Ganze, das Werk Gottes, sich weiterentwickeln konnte. Zu einer ganz konkreten Menschenzeit, zu ganz konkreten Umständen, zu den ganz besonderen Herausforderungen, die genau mein Lebenswerk gebraucht haben, um im größeren Ganzen etwas zu verwirklichen, wodurch das Reich Gottes wachsen konnte und ein Stück Himmel auf Erden sichtbar geworden ist.
Die vielen kleinen Sehnsüchte unseres Lebens zu verbinden, mit der großen Sehnsucht, irgendwann am Ende unseres Lebenswerkes Gott zu begegnen. Und das ist das wunderschöne, tiefe und geheimnisvolle Bild, das sich an fester Darstellung des Herrn entfaltet und das uns verkündet worden ist im Blick auf Simeon und Hannah. Denn diese endgültige, große Erfüllung aller Sehnsucht als Frucht dieser vielen kleinen Schritte des Vertrauens schenkt Gott in der Begegnung mit ihm, in der Erfahrung, nun lässt du Herr das Heil erfahren.
Amen.
+Johannes Freitag
Weihbischof der Diözese Graz-Seckau
Dom zu Graz, am 31. Januar 2026