Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Es ist nicht möglich, nicht an eine schwarze Schlange zu denken[1]. Wenn ich versuche, nicht an eine Schlange zu denken, denke ich automatisch an sie. All das ist eine einfache und klare Weisheit. - Die schwarze Schlange erinnert mich an die eben gehörte Bibelstelle. Sie stammt aus den ersten Seiten unserer Bibel, die tiefe Reflexionen darüber bieten, wer wir als Menschen sind. Die Funktion der Schlange in dieser sogenannten Sündenfallerzählung ist berüchtigt: sie verführt die Frau dazu, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen - und damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Gott vertreibt das erste Menschenpaar aus dem Garten, der Tod hält Einzug, das Leben wird mühevoll.
Doch eigentlich ist die Schlange in der Erzählung gar nicht so wichtig. Viel wichtiger scheint mir der Baum zu sein, denn er ist quasi die schwarze Schlange in der Erzählung, also die, an die ich nicht nicht denken kann. Im Paradiesgarten werden bekanntlich zwei Bäume namentlich hervorgehoben. Im Zentrum des Gartens steht der Baum des Lebens. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ist irgendwo an einem nicht näher bestimmten Ort, doch er wird besonders markiert durch das Verbot, von seinen Früchten zu essen. Mit dieser Markierung wird er zur schwarzen Schlange. Es ist nicht mehr möglich, nicht an ihn zu denken und damit richtet sich das Begehren der Menschen eben auf das einzige im ganzen Garten, das sie nicht haben und sich nicht einverleiben sollen. Der Baum, so die Bildsprache des Textes, beginnt denn auch die Szenerie zu dominieren. Später im Text steht nicht mehr der Baum des Lebens, sondern der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in der Mitte des Gartens. Seine Früchte, so stelle ich mir vor, leuchten und stacheln das Begehren immer weiter an. Die Schlange im Text ruft die Verführung nicht hervor, sie macht sie nur explizit.
Der Rest ist grandioses Scheitern. In dem Moment, in dem die Menschen des Gartens auch noch den letzten Winkel kontrollieren und sich verfügbar machen, merken Sie, dass sie nackt sind. Der Griff nach Vollkommenheit wirft sie zurück auf ihre eigene Verletzlichkeit, ihre Schutzlosigkeit, ihre Scham, die immer auch einen Zweifel daran bedeutet, wertvoll zu sein. Jetzt brauchen Sie Kleidung, um sich zu schützen. Den Mechanismus des Baumes, den die Bibel hier beschreibt, kennen wir so ziemlich alle.
Wir können uns festbeißen an so letzten Dingen, die wir nicht kontrollieren. Da ist das Haus grundsätzlich aufgeräumt und in Schuss, aber dann sehe ich diese eine Ecke, die schmutzig ist und die macht mich so unzufrieden, dass ich aufstehe und putze. Oder: Die Beziehung läuft gut, wir sind zufrieden bis auf diesen einen Punkt am anderen, der mich immer wieder nervt. An diesem einen Punkt muss sich der andere ändern, unbedingt - und plötzlich steht die ganze Beziehung in Frage. - Das Leben ist voll von diesen Bäumen oder den schwarzen Schlangen im großen Weltgeschehen ebenso wie im privaten und persönlichen. Sie tauchen in großer Regelmäßigkeit dort auf, wo man alles im Griff haben will, wo man noch den letzten Winkel der Welt, des anderen, des eigenen Selbst zu kontrollieren versucht. Und unweigerlich liegt die Suche nach Perfektion, die eigene Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit offen. Und auch die Angst, nichts wert zu sein. Womöglich ist der Tod, den Gott im Text über den Menschen verhängt, gar keine Strafe, sondern ein Schutz - so wenigstens deutet es der Wiener Theologe Kurt Apel. Zu wissen, dass wir sterben werden, macht uns deutlich, dass wir nicht alles in der Hand haben und es auch nie haben werden, dass wir uns in der Unperfektion gefälligst einrichten sollten. Es wäre ein Gewinn an Lebensqualität, die schwarzen Schlangen einfach immer öfter zu vergessen.
[1] vgl. grundsätzliche Gedanken von Mirja Kutzer (Kassel) in "Lebenskunst", Ö1, 26.2.2023