Das sogenannte Organum.

Über die Anfänge der kirchlichen Mehrstimmigkeit.

Rudolf Flotzinger, von 1971-1999 Ordinarius für Musikwissenschaft an der Grazer Karl-Franzens-Universität, legt in dieser musikwissenschaftlichen Aufsatzsammlung Forschungsergebnisse von europäischer Tragweite vor.

 

Wie stellen Sie sich den Beginn der abendländischen Musik vor? Dem gängigen Bild entsprechend, dass sich aus der „primitiven“ Einstimmigkeit die „komplexe“ Mehrstimmigkeit entwickelte, dass in den Klöstern der schlichte Gregorianische Choral gepflegt wurde und in den Kirchen früh die Orgel Einzug hielt? Nun – dann wird dieses Buch so ziemlich alles auf den Kopf stellen. Denn es wäre nicht Rudolf Flotzinger, würden nicht „alte Fragen neuerlich aufgerollt“ und erstaunlich neuen Antworten zugeführt.

„Am Anfang war die Mehrstimmigkeit“, ist er beispielsweise überzeugt: Denn Einstimmigkeit sei nicht (!) einfach und setze bei mehreren Sängern vieles voraus: von der Kenntnis der Melodie bis zu Übereinkünften über Tonhöhe und Tempo. Mehrstimmigkeit ergab sich hingegen schon naturgemäß, wenn etwa Männer- und Knabenstimmen im Oktavabstand erklangen. Zu den Oktavparallelen gesellte sich im Kunstbereich bald harmonisch die Quint, womit das sogenannte „Organum“ (lat. Werkzeug) gegeben war, während der Volksgesang das schroffere „Auseinanderklingen“ („Diaphonia“) bevorzugte.

 Wie aus einem Munde?

Laut Bibel sollte das Gotteslob „wie aus einem Munde“ („una voce“) erklingen, weshalb sich die junge Kirche – nicht zuletzt in Abgrenzung zur Praxis heidnischer Kulte – um Einstimmigkeit und um das Ideal einer „hohen, lieblichen, reinen“ (engelsgleichen) Stimme bemühte. Da aber die Musik des Hochmittelalters eine des „open air“ und der „hallenden Steinbauten“ war, ist es kein Wunder, dass Klagen über „schreienden Chorgesang“ und andere Unarten laut wurden. Bernhard von Clairvaux (gest. 1153) kritisierte etwa das Näseln und das Kehlkopfbeben, das aus dem Vorderen Orient Einzug hielt. „Was soll, frage ich, das schreckliche Aufblähen der Bäuche, das eher den Lärm des Donners als die Süße der Stimme ausdrückt?“, schämte sich der englische Zisterzienserabt Aëlred (gest. 1167) angesichts unnatürlicher Stimmtechniken, die den Sängern ein „Wiehern wie Pferde“ und „weibische Feinheiten“ abrangen. Und Erasmus von Rotterdam (1465–1536) schließlich seufzte: „Eine verkünstelte und theatralische Musik haben wir eingeführt in die Kirche, ein Geschrei und Getümmel verschiedener Stimmen …“. Für Lautheit und Lärm hatte – nach dem Vorbild byzantinischer Herrscherakklamation – auch die Orgel zu sorgen, die laut Flotzinger allerdings erst spät, „kaum vor dem 13. Jahrhundert“ (!), in die Kirche Einzug hielt.

Aus Parallelgesang, Bordun und Stimmtausch (Kanon) konstituierte sich schließlich die abendländische Mehrstimmigkeit, wie sie um 1200 bereits meisterhaft gepflegt wurde. Man vermeinte lange, mit „Leonin“ und „Perotin“ die ersten Komponisten der Musikgeschichte fassen zu können: als Lehrer und Schüler an Notre Dame in Paris. Dieses Paket schnürt Rudolf Flotzinger auf, rückt die Pariser Universität sowie mathematische wie theologische Lehren stärker ins Licht, trennt Leonin und Perotin entlang der historischen Fakten und konstatiert einen Paradigmenwechsel: von (nachträglicher) Nachschrift von Musik zu (kompositionsartiger) Vorschrift. Auch das mittelalterliche Tonsystem bringt er in neue Beziehungen, mit den Zeitkonzepten eines Augustinus und Aristoteles und der aufkommenden Gotik mit ihrer Umkehrung der Blickrichtung von unten nach oben und dem Sichtbarmachen der Struktur.

Kurzum: ein anspruchsvolles wie faszinierendes Fachbuch, das den Lesenden in eine geheimnisvolle, weithin verklungene Welt entführt.

Gertraud Schaller-Pressler

 Rudolf Flotzinger: Das sogenannte Organum. Zu den Anfängen der kirchlichen Mehrstimmigkeit im Abendland. Hrsg. von Gregor Kokorz und Federico Celestini. Graz, ADEVA, 2011, 288 S., ISBN 978-3-201-01921-7, Preis € 49,90