Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Liebe Schwestern und Brüder!
Ostern ist der Morgen des neuen Lebens. Nach den Tagen der Stille, nach den dunklen Stunden von Karfreitag und Karsamstag bricht heute das Licht auf. Die Kirche feiert: Christus ist auferstanden. Das Leben hat gesiegt. Gott hat das letzte Wort.
Doch dieses Licht von Ostern kommt nicht aus dem Nichts, es erstrahlt am Ende eines Weges, der gleichzeitig Anfang ist. Aus dem Weg durch die Kartage, durch den Abschied des Gründonnerstags, durch die Dunkelheit des Karfreitags, durch die große Stille des Karsamstags. Der Ostermorgen steht nicht im Schatten des Kreuzes, sondern geht aus ihm hervor.
Vielleicht ist gerade das eine der tiefsten Erfahrungen unseres Glaubens: Gott führt nicht an der Dunkelheit vorbei, sondern er führt durch sie hindurch. Gerade auf diese Weise zeigt er uns einen Weg auf.
Wenn wir heute hier in St. Lambrecht Ostern feiern, dann geschieht das an einem besonderen Ort. Das Stift St. Lambrecht feiert heuer ein großes Jubiläum: 950 Jahre. Fast ein Jahrtausend geistlichen Lebens, Gebet und Arbeit. Fast ein Jahrtausend österliches Gedenken und Feiern der Auferstehung, an diesem Ort. 950 Jahre GeistVollesLeben!
Und wenn man diese lange Zeitspanne betrachtet, dann wird eines besonders deutlich: Diese 950 Jahre waren keine gleichförmige Geschichte. Es waren Zeiten des Aufbruchs und Zeiten der Krise, Zeiten des Friedens und Zeiten großer Unsicherheit, Zeiten des Wachstums und Zeiten des Rückgangs. Und doch – trotz (!) all dieser unterschiedlichen Umstände – wurde hier Jahr für Jahr, Generation für Generation, Ostern gefeiert.
Das ist bemerkenswert. Nicht, weil immer alles leicht gewesen wäre, sondern gerade, weil es oft nicht leicht war. Ostern wurde gefeiert trotz wechselnder Zeiten, trotz Brüche, trotz Herausforderungen. Gerade darin zeigt sich etwas vom innersten Wesen unseres Glaubens: Dass die Auferstehung Christi nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern, dass sie uns trägt, durch die Zeit.
Und vielleicht gehört dazu noch eine zweite, ebenso grundlegende Erfahrung, die diesen Ort prägt. Seit 950 Jahren erklingt hier im regelmäßig wiederkehrenden Gebet der Kirche, besonders an den Festtagen, wie auch an diesem Ostersonntagmorgen, nicht zuerst das Wort:
„Gott, du mein Gott, dich haben wir im Griff!“ sondern:
„Gott, du mein Gott, dich suche (!) ich.“
„Gott, du mein Gott, dich haben wir im Kloster!“ sondern:
„Gott, du mein Gott, dich suche (!) ich.“
„Gott, du mein Gott, dich nennen wir unser eigen!“ sondern:
„Gott, du mein Gott, dich suche (!) ich.“
Der Glaube, auch der österliche, ist kein abgeschlossener Besitz, sondern eine lebendige Bewegung. Keine Sicherheit im Sinne eines „Ich habe“, sondern eine Haltung des Unterwegsseins, des Suchens.
Gerade das ist zutiefst österlich. Ostern bedeutet nicht, dass alle Fragen gelöst wären. Es bedeutet nicht, dass wir Gott einfach „in der Hand haben“. Sondern: dass wir ihm neu entgegengehen dürfen, ihm in den heutigen Lebensumständen suchen.
Wir sehen das im Evangelium dieses Tages: Maria von Magdala kommt früh am Morgen zum Grab, noch im Dunkeln. Sie sucht Jesus. Und zunächst findet sie nur das leere Grab.
Auch das ist Ostern! Dass Gott sich manchmal anders zeigt, als wir es erwarten. Dass die Suche nicht sofort zur Klarheit führt. Maria erkennt den Auferstandenen erst, als er sie beim Namen ruft: „Maria!“ In diesem Moment öffnet sich ihr Herz dem Auferstandenen und seiner Botschaft. Hier geschieht Ostern: in der Begegnung aus uns heraus, in unserer Sendung hinein in die Welt.
Und zugleich sehen wir eine zweite Bewegung: die Jünger, die sich zurückgezogen haben. Die sich sammeln, die verunsichert sind, die warten – auf ein Zeichen, das der Auferstandene ihnen schenkt.
Beides gehört zusammen: Maria Magdalena, die aufbricht, die dem Auferstandenen entgegengeht und die Jünger, die sich sammeln, die auf eine Bestätigung ihres Glaubens und auf Gottes Handeln warten.
Diese beiden Bewegungen prägen die Kirche – damals wie heute: Sammlung und Sendung.
Unsere vielfältigen Klostergemeinschaften stehen in besonderer Weise für die Sammlung, für das Verweilen vor Gott, für die treue, täglich neue Suche nach Gott: „Gott, du mein Gott, dich suche ich.“
Zugleich geht aus dieser Sammlung Sendung hervor. Wie Maria, die nach ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen zu den Jüngern geht und verkündet: „Ich habe den Herrn gesehen.“
So ist Kirche österlich:
Eine Kirche, die sich sammelt… und sich senden lässt.
Eine Kirche, die sucht… und bezeugt.
Eine Kirche, die wartet… und aufbricht.
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir heute auf 950 Jahre St. Lambrecht schauen, dann sehen wir genau diese doppelte Spur: eine Geschichte der Treue im Wandel der Zeiten und eine Geschichte der Gottsuche, die nie abgeschlossen ist.
Generation um Generation hat hier das Wort gesprochen: „Gott, du mein Gott, dich suche ich.“ Und Generation um Generation hat, in ganz unterschiedlichen Umständen, das Osterfest gefeiert und durfte in der je eigenen Glaubensspur dem Auferstandenen begegnen.
Genau das ist auch die Einladung dieses Tages an uns: Dass auch wir uns hineinstellen in diese Bewegung. Dass wir uns sammeln vor Gott und uns senden lassen in die Welt.
Dass wir nicht sagen: „Ich habe Gott“, sondern: „Ich suche Gott.“
Glauben heißt, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass Gott es ist, der uns zuerst beim Namen ruft.
Und dieser Ruf eröffnet Zukunft. Denn Ostern sagt uns, dass das Leben stärker ist als der Tod, die Hoffnung stärker als die Angst und Gottes Liebe stärker als alles ist, was unser Leben verdunkelt.
Darum dürfen wir heute voller Freude und Gewissheit bekennen:
Christus ist auferstanden.
Er ist wahrhaft auferstanden.
Amen.
+Johannes Freitag
Weihbischof der Diözese Graz-Seckau
Stift St. Lambrecht, am 5. April 2026