Die Diözese Graz-Seckau, 1218 gegründet, umfasst 388 Pfarren. Diözesanbischof ist seit 2015 Wilhelm Krautwaschl. Mehr zur Diözese
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Am 26. April jährt sich die Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl zum 40. Mal. „Eine Tragödie, die über die Ukraine hinaus als größte sozial-ökologische, menschengemachte Katastrophe der Geschichte der Menschheit gilt“, so Bohdan Karpliak, ukrainischer Priester und in der Diözese Graz-Seckau für die ukrainische Gemeinde verantwortlich. Infolge der Reaktorexplosion und des Verschweigens der Wahrheit durch die sowjetische Führung und Moskau litten Millionen von Menschen. Hunderttausende waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, viele verloren ihre Gesundheit oder ihr Leben.
Das Wort „Tschernobyl“ steht heute in allen Sprachen für dasselbe: Tod, Umweltzerstörung und ökologische Katastrophe – aber auch für eine tiefe Wunde im Körper des ukrainischen Volkes. „Mit besonderer Dankbarkeit und Hochachtung gedenken wir der Liquidatoren – jener Menschen, die als Erste unter den Folgen der Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl litten. Unter Einsatz ihres eigenen Lebens stoppten sie die Ausbreitung der tödlichen Strahlung und verhinderten eine Katastrophe noch größeren Ausmaßes“, so Pfarrer Bohdan. Hätten die Nachbarstaaten keine erhöhte Strahlung festgestellt, hätte die sowjetische Führung in Moskau wohl weiterhin geschwiegen und das wahre Ausmaß der Katastrophe verborgen.
Die Tragödie von Tschernobyl brachte nicht nur sichtbare Zerstörung, sondern hinterließ auch tiefe Wunden in den Herzen der Ukrainer. Nach der Katastrophe von 1986 wurden aus Angst vor den Folgen der Strahlenbelastung zehntausende Schwangerschaften abgebrochen. Dieses Phänomen war Ausdruck einer weit verbreiteten Radiophobie – der panischen Angst vor der Geburt von Kindern mit möglichen Entwicklungsstörungen. Bohdan Karpliak: „Genaue Zahlen existieren nicht, da Informationen in der Sowjetunion nicht nur in den ersten Monaten, sondern über Jahre hinweg nach der Katastrophe verschwiegen wurden. In der Ukraine standen Tausende Familien vor der schmerzhaften Entscheidung, ob sie Kinder bekommen sollten.“ Deshalb spreche die Kirche von einer geistlichen Dimension der Katastrophe von Tschernobyl und begleitet jede betroffene Familie weiterhin im Gebet.
Die Gesundheit des ukrainischen Volkes hat sich nach Tschernobyl erheblich verschlechtert. Die Folgen der Katastrophe, insbesondere die Zunahme von Krebserkrankungen, werden noch mehrere Generationen spürbar sein, so Karpliak. Es sei schwer vorstellbar, wie groß die Bevölkerung der Ukraine heute wäre, hätte es diese Tragödie und die Gleichgültigkeit des damaligen kommunistischen Regimes nicht gegeben. Auch die Natur erlitt erhebliche Schäden. Während und nach der Katastrophe wurden zehntausende Tiere getötet oder aus den kontaminierten Gebieten entfernt. Die Gesamtzahl der verendeten Tiere ist aufgrund des enormen Ausmaßes unbekannt. Wälder und Böden wurden über viele Kilometer hinweg radioaktiv verseucht. Dieses Gebiet wird bis heute als „Sperrzone“ (oft auch „Zone der Entfremdung“) bezeichnet.
„Selbst vierzig Jahre nach der Tragödie erkennen wir nur einen Teil der weitreichenden medizinischen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen“, sagt der ukrainische Priester. Die Katastrophe habe deutlich gezeigt, welche Bedrohung technischer Fortschritt für die Menschheit darstellen kann, wenn er ohne ethische und moralische Orientierung erfolgt und in den Dienst einer Ideologie gestellt wird.
Vierzig Jahre nach der Katastrophe – eine Zeitspanne, die in der Bibel eine ganze Generation symbolisiert – hätten wir erkennen müssen, wie wichtig die Verantwortung jedes Einzelnen für seine Arbeit ist, unabhängig davon, ob es sich um einen Ingenieur, Politiker, Lehrer, Arzt oder Arbeiter handelt, ist Pfarrer Bohdan überzeugt. Verantwortungsbewusstsein helfe, Gefahren vorzubeugen. Das Verschweigen von Problemen und die Vernachlässigung von Pflichten hingegen führen zu Tragödien – wie die Geschichte zeige.
Am Sonntag, dem 26. April, wird die Ukrainische griechisch-katholische Kirche in Graz nach der Liturgie um 13 Uhr in der Kirche Graz-Karlau ein Gebet für alle abhalten, die unter der Katastrophe von Tschernobyl gelitten und ihr Leben verloren haben. Pfarrer Bohdan Karpliak: „Beten wir für die Opfer von Tschernobyl, für die Heilung des ukrainischen Landes und für Weisheit für die ganze Menschheit, damit sich solche Tragödien niemals wiederholen. Wir tragen Verantwortung für das menschliche Leben, für die Erde, auf der wir leben, für die Wälder und für die Luft, die wir atmen.“