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Die ökumenische Jury (von links: Natalie Resch, Christine Ris, Markus Leniger, Isolde Specka, Alain le Goanvic) mit dem Mannheimer Dekan Karl Jung, dem Vertreter der evangelischen Kirche Mannheim Stefan Scholpp und Festivaldirektor Michael Kötz - © Kirsten de Vos

Filme feiern

Das diesjährige Motto des 63. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg verweist mit 39 Filmen von Newcomern aus 35 Ländern auf die „Lichtwucht und Abgründigkeit des Films als Abbildung des Lebens“. Unter den 13 Wettbewerbsfilmen zeichnete die Ökumenische Jury den Film „Nabat“ sowohl für dessen universelle Aussagekraft als auch Bildästhetik aus.

Irgendwie fängt irgendwann, irgendwo die Zukunft an (Nena). Viele Filme von noch unbekannten Filmschaffenden feierten ihren ersten großen Auftritt im Rahmen des Mannheim-Heidelberg Filmfestivals. Bis heute ist es nicht müde geworden, Filme von Newcomern zu entdecken, die Beispiele hoher Erzählkunst sind, visuell überzeugen und sich Themen in unbekannter Weise annähern. Auch die 63. Ausgabe zeigt ein dichtes, facettenreiches und qualitativ anspruchsvolles Programm, das jene Filmschaffenden in den Fokus stellt, die ihren ersten Spielfilm vorstellen. Besonders auffallend ist die Themenvielfalt der 39 Spielfilme aus 35 Ländern. Bei den meisten anderen Festivals lässt sich ein Grundthema als eine Art roter Faden festmachen. Dieser wird bei den diesjährigen Filmfestspielen in Mannheim-Heidelberg erst bei der Preisverleihung sichtbar.

Die Auswahl der Preisträger zeigt, dass die Darstellung bestimmter Themen besonders bewegend gelungen ist: Es ist die Annäherung an fremde (Lebens-)Welten. Die Regisseure der ausgezeichneten Filme überzeugten neben einer dichten Erzählstruktur und eindrucksvollen Bildern vor allem über den genauen Blick der Kamera, die anstelle von Mitleid Mitgefühl fordert. Das Publikum erfährt eine ernst gemeinte, unterhaltsame und kluge Darstellung vom Anders-Sein, dem Umgang mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, der Fragen nach dem Leben und dem Tod und von individuellen Schicksale als Zeitdokument.

Vom Bewahren und Begleiten

Der langjährige Festivaldirektor, Michael Kötz, wird nicht müde in seinen Reden zu betonen, dass es eine Unart des Filmbusiness sei, die jungen Filmemacher zu „verbraten“. „Newcomer werden auf den Markt geworfen und wenn ihre Filme nicht auf Anhieb funktionieren, dann lässt man sie links liegen, wendet sich sofort wieder neuen Regisseuren zu.“ Man investiere nicht mehr in Menschen, sondern in Wertanlagen, die sicherstellen, dass sich Investition rentieren und auf schnellstem Wege finanziellen Erfolg versprechen. Das Festival widersetzt sich dieser Schnelllebigkeit und dem kurzfristigem Denken und vergibt als Zeichen dafür seit dem vergangen Jahr den Preis „New Master of Cinema“. Ausgezeichnet werden Talente, die in Mannheim entdeckt worden sind und inzwischen auf den großen Filmfestivals wie Cannes Erfolge feiern. Diese Talente hat man im Auge behalten und immer wieder in Sonderprogrammes des Festivalprogramms untergebracht.

Die Erfolgsgeschichte des belgischen Regisseurs und Preisträgers der Auszeichnung 2014, Geoffrey Enthoven, begann 2002 beim in Mannheim mit seinem Werk „Les enfants de l’amour“, für das er eine lobende Erwähnung der Internationalen Jury erhielt. 2006 war er „Newcomer of the Year“ mit „Vidange Perdue“. Sein aktueller Film „Halfway“ ist Teil des diesjährigen Programms. Mit einer kräftigen Portion Humor, der von erzählerischem Fingerspitzengefühl zeugt, verpackt in eine unglaublich glaubwürdige Geschichte, perfektioniert durch schauspielerische Topleistungen, verspricht es ebenso wie sein Werk „Hasta la Vista“ ein Publikumsliebling zu werden. Enthoven ist ein Geschichtenerzähler, der seine Figuren sehr ernst nimmt und sich Themen wie körperlichen Gebrechen und Verlust mit klugen Bildern, spitzzüngigen und selbstironisierenden Bemerkungen annähert und für das Publikum unterhaltsam aufbereitet.

Kirche und Kino als reale Räume der Begegnung

Die Zusammenarbeit der Kirchen in Mannheim hat eine lange Tradition und der Empfang der Ökumenischen Jury ebenso. Er findet abwechselnd in den Räumlichkeiten der Evangelischen oder Katholischen Kirche statt. Dieses Jahr sorgte ein Gitarrenduo im Kirchenfenster der Katholischen Kirche für entspannte Stimmung. „Dieser Empfang ist anders. Man wird zu dieser Ruheoase gezwungen“, meinte Festivaldirektor Kötz und verweist auf die Hektik und das rege Treiben, das auf seinem Festival mit bis zu 60.000 Besuchern herrscht. Ihm sei aufgefallen, dass die Menschen sich zunehmend – jenseits des virtuellen Raums des World Wide Webs – nach realen Orten des gemeinsamen Erlebens sehnen. Sowie man früher in Kirchen geströmt sei, wachse die Anzahl der Festivalbesucher. Das Verfügung-Stellen eines Programms mit Filmen als Fenster zu unbekannten Welten schätze das Publikum. „Der Film ist ein Appell an den Verstand, die Seele, Emotionen.“

Der Mannheimer Dekan Karl Jung lud am 12. November zum Martinsprozess durch die Mannheimer Innenstadt, der als Lichterzug von über 100 Kindern und ihren Familien verschiedener Konfessionen ein starkes Zeichen der Integration sei; sogar stärker als manche Worte. Licht als Hoffnungsträger spielt auch in dem von der Ökumenischen Jury ausgezeichneten Film „Nabat“ eine tragende Rolle (siehe Infobox unten). Stefan Schopp, Vertreter der Evangelischen Kirche, stellte die Frage nach dem Menschlichen in der Gesellschaft und sieht die Kirche bzw. die Theologie und Filme als Zirkulation des Hl. Geistes, des Humanen in Form von Botschaften von universeller Gültigkeit. Es geht um die großen Erzählungen der Menschheit, mit ihrem Anspruch weder einer bestimmen Zeit noch einem Ort zugeordnet werden zu müssen. Dies zeigen unter anderem der Film „The Borat King“ über das Leben nach dem Tod bzw. die Überwindung eines Verlustes und Neuanfänge in einem vom Taifun 2009 verwüsteten Gebiet in Taiwan.

Fragen nach dem Menschlichen stellen auf bewegende wie auch filmisch innovativ umgesetzt Weise die Wettbewerbsfilme „In The Crosswind“ (von der Ökumenischen Jury in Warschau 2014 ausgezeichnet) und „Leave to Remain“.  Alain Le Goanvic, der Präsident der diesjährigen Jury beim Mannheim Filmfestival stellt „Eine kleine Kinotheologie“ vor, die sich mit der Entstehung der geistigen Kraft im Kino beschäftigt. Filmexperten unabhängig ihrer religiösen Herkunft sind sich einig, dass Filme vor allem fähig sind universelle Aussagen zu tätigen. Ein starkes, wie ebenso unterhaltsames Plädoyer für Toleranz hält der Regisseur Amin Dora mit seinem libanesischen Film „Ghadi“ (Publikumspreis), der gleichsam ein Zeichen der Hoffnung im schicksalserschütternden Libanon sein soll. Film als Träger von hoffnungsschwangeren Bildern einer möglichen Zukunft. Auf den besonderen Blick, den Filmemacher auf verlorene Menschen werfen, weist der Jurypräsident hin, zu sehen in „23 Seconds“ (Newcomer of the Year 2014), „Alle Katzen sind grau“ oder „Patrick’s Day“ (Empfehlung der Kinobetreiber 2014). Filme feiern heißt, das Leben zu feiern, Unsichtbares sichtbar zu machen und das Wesentliche in den Vordergrund zu rücken.

Festivalbericht: Medienreferentin der Diözese Graz-Seckau, Natalie Resch

Preisträger

Preisträger der ökumenischen Jury:
NABAT, Elchin Musaoglu (Aserbaidschan, 2014)

Angesichts der Bedrohung durch den Krieg entvölkert sich ein Bergdorf in Aserbaidschan. Nabat, die am Rande des Dorfes lebt, bleibt, obwohl sie zunehmend die Grundlagen ihrer Existenz verliert. Als sichtbares Zeichen ihres spirituellen Widerstandes und der Hoffnung auf die Rückkehr des Lebens, entfacht sie allabendlich Lichter im Dorf. Für seine bewegende Geschichte findet der Film poetische, ruhige und ausdrucksstarke Bilder von hoher Symbolkraft.

Preisträger der Internationalen Jury: Newcomer of the Year 2014
23 SECONDS, Dimitry Rudakov

Preisträger der Internationalen Jury: Mannheim-Heidelberg Preis 2014
NABAT, Elchin Musaoglu

Preisträger der Internationalen Jury: Spezialpreis
an den Schauspieler Nelson Xavier in FAREWELL, Marcelo Galvão

Preisträger der FIPRESCI-Jury (Internationaler Verband der Filmkritiker):
NABAT, Elchin Musaoglu

Empfehlung der Kinobetreiber:
PATRICK’S DAY, Terry McMahon 
IN THE CROSSWIND, Martti Helde

Publikumspreis:
GHADI, Amin Dora

Mehr Infos zu den Filmen unter www.iffmh.de