The Neon Demon

Nicolas Winding Refns Hommage an das italienische Giallo-Genre setzt Perfektionsdrang und Schönheit in Szene.

Regie: Nicolas Winding Refn
USA/Dänemark, 2016
AT-Start: 23.06.2016

"Das Kino ist tot". Nicht nur handelt es sich bei dieser zum Trend werdenden Einstellung um eine im Zeitgeist verankerte Annahme derer, für die der aktuelle Aufschwung an Qualitätsserien das Kino angeblich ablöst, vor allem stellt sie seitens vieler einen Vorwurf dar, der spezifisch dem Kino von Filmemachern wie Nicolas Winding Refn gemacht wird. Zwar ist die Anschuldigung, er als einer derer, die jenes Kino noch am ehesten als audiovisuelle Erfahrung verstehen, hätte mehr Handlung nötig, ohnehin längst redundant, interessant wird es jedoch, wenn die auf Hochglanz polierte, bis ins kleinste Detail durchdachte und stilistisch zur Perfektion geschliffene Natur seiner visuellen Umsetzung zur Untermauerung der angeblichen Seelenlosigkeit seiner Filme wird. In seiner Giallo-Hommage "The Neon Demon" treibt Refn gerade diesen Gedanken bis an die Spitze, um ihn letztendlich zu widerlegen:

Denn obwohl die Bebilderung eines Film kaum jemals oberflächlich so dermaßen kalt durchstilisiert gewirkt haben mag, so kann gerade diese Oberfläche auch nie so radikal aufgebrochen werden, setzt man sie nicht in ihrer extremsten Form in Kontrast mit Gegenteiligem, mit der Visualisierung unserer Ängste, unserer Abgründe, mit Bildern von allem, vor dessen Konfrontation sich unsere Gesellschaft verschließt. Keineswegs nur eine tote Visualisierung des Lebens, sondern genauso eine lebendige Visualisierung des Todes ist es, die Refn kreiert; gesponnen um Figuren herum, deren fehlende Empathie nur die logische Konsequenz ihres wiederum eigenen Perfektionsdrangs ist, des Neides der mit allen Mitteln nach Schönheit strebenden Models auf die mysteriöse, aber natürliche Neueinsteigerin Elle Fanning. Refns Inszenierung flirtet mit diesem Perfektionsdrang, zeigt die Protagonistinnen als Abbilder ihrer Selbst in Spiegeln, funktioniert ihre Körper zu geschliffenen, aber leeren Puppen um, um letztendlich trotz alldem zu purer Physis zurückzukehren, aber dennoch vollkommenen Respekt vor den weiblichen Figuren zu bewahren, die er den Film dominieren lässt.

Mit "The Neon Demon" ist Refn nun vermutlich am Höhepunkt seines Schaffens angekommen, der sich wohl weder in der Vielschichtigkeit, noch in der Radikalität seiner Bebilderung steigern lassen wird. Spätestens sobald im Abspann der von Sia extra für diesen Film geschriebene Song "Waving Goodbye" ertönt, ist das angeblich tote Kino zu 100 % lebendig, möglicherweise sogar unsterblich.

Lukas Korherr



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