Zuversicht an einer Schwelle

Predigt bei der Jahresschlussandacht am 31.12.2010 im Grazer Dom

Im Isaiasbuch der Bibel fragt eine Stimme: „Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?“ (Jes 21,11) Die Neujahrsnacht ist ein guter Anlass, um diese biblische Frage an den Wächter im fernen Edom zu wiederholen. Sie ist eine traurige Nacht für Menschen in Flüchtlingslagern und anderen Armenhäusern der Welt. Sie ist zugleich eine fröhliche Nacht für Gesunde und Wohlhabende, denen die Freude daran gewiss nicht ausgetrieben werden soll. Sie ist auch eine Nacht inmitten unserer westlichen Welt, der große Utopien abhanden gekommen sind und der große Entwürfe in Kultur, Philosophie und Politik fehlen, wenn auch das Konzept der Europäischen Union trotz seiner aktuellen Krisen eine positive Herausforderung und Chance dazu ist und hoffentlich bleiben wird.

Der Wächter im Isaiasbuch, der vielleicht auf der Zinne einer Stadtmauer steht, mit den Sternen über ihm und den schlafenden oder feiernden Menschen in der Stadt zu seinen Füßen – der Wächter sagt, dass er nicht weiß, wie lange die Nacht noch dauern wird. Aber der Morgen wird kommen, sagt er. Der Morgen wird kommen – das ist ein Wort der Zuversicht, der Hoffnung. Es kann und soll besonders auch eine Wegzehrung sein beim Übergang in ein neues Jahr, ein neues Jahrzehnt unserer Zeitrechnung.

Die durch Medien präsentierten Jahreschroniken erleichtern uns den Rückblick auf das Jahr 2010 betreffend Ereignisse, die uns nicht nur unverwechselbar privat, sondern gemeinsam betroffen haben. Für die Menschheit im Ganzen war es ein Jahr wie viele andere mit seinen Lichtblicken und mit seinen Katastrophen. Neben den großen Naturkatastrophen wie in Haiti und in Pakistan gab es die von Menschen verursachten großen Probleme. Ich nenne hier nur einige: so die politische Instabilität besonders in vielen Ländern Afrikas, im Nahen und im Mittleren Osten; den Terrorismus islamistischer und neuerdings auch anarchistischer Provenienz; die Finanzkrise und die daraus folgende Wirtschaftskrise, von der vor allem die sogenannte westliche Welt betroffen war und die noch keineswegs sicher überstanden ist; weiters die massiven Verletzungen von Menschenrechten in zahlreichen Ländern, vor allem zu Lasten von Christen.

Dazu kamen und kommen Probleme infolge eines rapiden sozialen und kulturellen Wandels in europäischen Ländern wie Deutschland und Österreich, bedingt unter anderem durch die geringe Zahl von Kindern bei der angestammten Bevölkerung. Daraus ergeben sich Herausforderungen an das Prinzip Solidarität und dabei besonders für den sogenannten Generationenvertrag. Bedrängend aktuell sind für viele Menschen Fragen betreffend die Stabilität und die finanzielle Situation der Familien, die Zukunft des Bildungssystems, die Entwicklung des Arbeitsmarktes, die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und die Verlässlichkeit des Pensionssystems. Viele Menschen sind auch in unserem insgesamt so reichen Land von Armut bedroht oder bereits arm. Unter ihnen auch solche, die einen Arbeitsplatz haben und besonders auch Alleinerziehende.

Politiker, Sozialpartner und Interessenverbände stehen vor der schwierigen aber unabweisbaren Aufgabe, in einem breiten Konsens nachhaltige Lösungen zu erarbeiten. Gruppeninteressen müssen im Blick auf das soziale Ganze beurteilt und nötigenfalls auch relativiert werden. Dazu gehört auch die Frage, wie Europa ohne Destabilisierung seiner Zivilgesellschaften aber unter Bewahrung seiner christlich-humanistischen Werte-Tradition mit der Frage der Immigration umgehen soll. Hoch relevant ist darüber hinaus der rapide Wandel der religiösen Situation in Europa. Wie auf keinem anderen Kontinent gibt es hier eine weit verbreitete, anscheinend noch anwachsende Gleichgültigkeit und teilweise sogar Aggressivität gegenüber dem religiösen Erbe in Gestalt des Christentums. Das rasche Anwachsen des in Europa neu angekommenen Islam stellt dem Christentum die Frage, wie stark der eigene Glaube ist und warum so viele Getaufte seiner offenbar müde geworden sind.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, hat der Dichter Hölderlin vor 200 Jahren in seiner bekannten Patmos-Hymne gesagt. Auch im zu Ende gehenden Jahr 2010 gab es viel Rettendes, zum Beispiel eine große weltweite Solidarität mit den Opfern von Katastrophen und Seuchen. Dieses Gute war freilich meist leiser als das in die Öffentlichkeit drängende Negative.

Inmitten des hier nur skizzenhaft angedeuteten Weltpanoramas im Jahr 2010 hat die Christenheit und als deren größte Teilgemeinschaft die katholische Kirche gelebt, hat solidarisch gewirkt, hat aufgebaut und hat auch viel gelitten, besonders durch massive Christenverfolgungen in vielen Ländern der Erde. So erst vor kurzem wieder im Irak und in Nigeria.

Und inmitten der Zivilgesellschaft Österreichs und Deutschlands hat die katholische Kirche auch im zu Ende gehenden Jahr 2010 – bemerkt oder nicht bemerkt, bedankt oder nicht bedankt – einen großen Teil dieser Zivilgesellschaft beseelt und mitgetragen. Das Jahr 2010 war aber für die katholische Kirche auch in unserem Land ein Jahr besonderer Prüfungen und Herausforderungen. Schwerwiegende Verfehlungen mancher kirchlicher Verantwortlicher vor allem gegenüber jungen Menschen sind offenbar geworden und haben viel Vertrauen in die Kirche zerstört. Obwohl wir damit ganz offen umgegangen sind und umgehen, konnten ungerechtfertigte Verallgemeinerungen zu Lasten der Unschuldigen – und das ist die allergrößte Mehrheit der kirchlichen Verantwortlichen – nicht immer verhindert werden.

Viele Katholiken sind in diesem Zusammenhang aus der Kirche ausgetreten. Für nicht wenige unter ihnen war dies aber nur der letzte Schritt einer schon lange in Gang befindlichen Entfernung. Sie haben den Eindruck, die Kirche werde heute nicht mehr gebraucht, sie habe wenig Relevanz für das eigene Leben. Solche Entscheidungen haben wir zu respektieren. Wir möchten den aus der Kirche fort gehenden oder fort gegangenen Katholiken aber sagen: Christus hat bei Eurer Taufe seine Hand auf Euch gelegt und er zieht seine Hand nie zurück. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass Ihr einmal in die Kirche zurückkehren werdet, wie dies ja auch heuer trotz allem viele Katholiken getan haben. Und wir möchten Euch sagen: die Kirche ist nicht nur ein gut oder weniger gut funktionierender Dienstleistungsbetrieb, sondern der mystische Leib Christi. Sie ist nicht nur entstellt durch die Sünden vieler Christen, sondern zugleich schön durch die Heiligkeit unzähliger anderer Christen. Sie ist weltweit eine große Kraft für Frieden, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und wer von der Kirche fortgeht, der schwächt eine Kraft, die Europa auch heute mehr zusammenhält, als allgemein bewusst ist; er vergrößert einen Hohlraum, der in Gefahr ist, von Kräften ausgefüllt zu werden, die auch edlen Agnostikern als gefährlich erscheinen.

Die katholische Kirche ist in Österreich heute aber nicht nur durch den Weggang vieler ihrer Mitglieder herausgefordert, sondern auch durch Gegensätze zwischen manchen ihrer Intensivsegmente, wo man – wie Bischof Manfred Scheuer von Innsbruck vor kurzem gesagt hat – einander schon abgeschrieben hat oder nur noch negativ übereinander redet. Wir leben – sagte der Bischof – nicht in einer Zeit, in der man mit grundsätzlichem Wohlwollen aufeinander zugeht und zuhört.

Umso wichtiger ist es, die Mitte der Kirche zu stärken und von dort aus den Blick in die Höhe und Tiefe des christlichen Glaubens zu öffnen und offen zu halten: den Blick auf Jesus Christus selber, der seine gekreuzigten und in der Auferstehung verklärten Arme nach beiden Seiten hin ausbreitet und alle an sich ziehen will. „Auf Christus schauen!“ – dieses Leitwort soll daher auch weiterhin die Seelsorge in den Pfarren und das Wirken aller anderen kirchlichen Einrichtungen prägen.

Erst von dieser Mitte der Kirche aus wird auch eine katholische Synthese zwischen sogenannten Reformern und Bewahrern, zwischen sogenannten Liberalen und Konservativen ernsthaft denkbar und schrittweise auch möglich. Nur in dieser Mitte liegen die tiefen Brunnen des christlichen Glaubens und seiner spezifisch katholischen Identität, aus denen man schöpfen muss, um wirklich Nachhaltigkeit für ein profund katholisches Glauben und Leben zu erreichen, das Kraft gibt zur Erneuerung von Kirche und Gesellschaft.

Aus der Kraft dieser Mitte und Tiefe heraus muss auch ein neues katholisches Selbstbewusstsein erwachsen, ohne Arroganz und ohne Illusion, im Wissen darum, dass unsere Kirche, auch wenn sie in manchen Ländern schmäler wird, von Christus her einen unkündbaren universalen Auftrag hat. Dieses Selbstbewusstsein beruht auf der Überzeugung, dass die Christen dazu berufen sind, im Gottesdienst und im Alltag auch stellvertretend für alle anderen Menschen Gott eine lobende, dankende und bittende Antwort auf das Wort zu geben, das er in der Erschaffung und Erlösung der Welt durch Christus gesagt hat und immer noch sagt. Kirche ist also ihrem Wesen nach zutiefst auch Stellvertretung und das wird ihre Spiritualität in Europa in Zukunft noch stärker prägen müssen als bisher.

In all dem geht es um Gott und um die Menschen. Die Kirche ist ja kein Selbstzweck, sondern ein Sakrament, also ein Werkzeug für den Dienst an beiden. Sie ist dabei aber nicht nur ein Menschenwerk, sondern ein von Christus gewolltes und von ihm geliebtes Werkzeug, ein Ursakrament entsprechend einem Wort des Apostels Paulus, der im Epheserbrief sagt, dass Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, damit sie ohne Runzel oder anderen Makel sei (Eph 5, 23 – 28).

Liebe hier an einer Jahreswende versammelte Christen! Ich kehre am Ende dieser Überlegungen an den Anfang zurück: zur nächtlichen Frage an den Wächter im Isaiasbuch der Bibel, ob die Nacht bald zu Ende sein werde. Der Wächter weiß es nicht, aber er sagt: Der Morgen wird kommen! Dieses Wort gilt auch uns auf unserem Lebens- und Glaubensweg als einem sehr kleinen, aber für uns unverwechselbar entscheidenden Teil der Weltgeschichte und der Kirchengeschichte. Gott verlässt uns nicht, wenn wir ihn nicht verlassen, und jede Mitternacht ist schon der Anfang eines neuen Tages.