Predigt beim Gottesdienst anlässlich der Segnung und Eröffnung der Heiligen Stiege des Kalvarienberges in St. Radegund

Insgesamt 29 Stationen umfasst die Anlage des insofern einzigartigen Kalvarienberges hier in St. Radegund. Zu ihr gehören nicht nur die üblichen 14 Stationen des Kreuzweges Jesu von der Verurteilung durch Pilatus bis zu seiner Grablegung, sondern auch eine Abendmahlskapelle, weiters fünf Szenen aus dem Schmerzhaften Rosenkranz, eine Petrus-Grotte, eine Ecce-Homo-Darstellung, eine Gefängnis-Grotte, eine Maria-Magdalena-Kapelle, eine Kapelle der drei Frauen am leeren Grab, eine Nepomuk-Grotte, eine Statue des heiligen Ulrich, eine Kapelle der heiligen Helena und die Heilige Stiege, an der wir uns hier befinden. Zahlreiche Kreuzwegandachten finden hier statt und Wallfahrten haben hier ihr Ziel.

Jede Heilige Stiege hat ihr Vorbild in Rom gegenüber den Lateranbasiliken. Eine alte Legende erzählt, dass Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin des Großen, im Jahre 326 während einer Pilgerreise ins Heilige Land in Jerusalem 28 Stufen aufgefunden und deren Verbringung nach Rom veranlasst hat. Über diese Stiege soll Christus in den Palast des Statthalters Pilatus zu seinem Verhör geführt worden sein.

Das dramatische Leiden Jesu Christi ist hineingestellt in unseren christlichen Lebens- und Glaubenshorizont. In der Mitte des christlichen Glaubens steht unverwechselbar Jesus Christus und mit ihm wesenhaft verbunden sein Kreuz. Wir glauben, dass Gott selbst in seinem Sohn, der an diesem Kreuz gestorben ist, alle Tragik und alle Schuld der Menschen vom Anfang bis zum Ende der Geschichte stellvertretend auf sich genommen, ausgelitten und grundsätzlich erlöst hat. Und wir glauben, dass dieses Kreuz des Karfreitags Christi sich am dritten Tag nachher im Mysterium der Auferstehung in einen Lebensbaum verwandelt hat, in ein Zeichen des Sieges über Sünde und Tod.

Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten hätten, wenn wir vor 2000 Jahren in Jerusalem dem leidenden und schließlich am Kreuz sterbenden Jesus Christus begegnet wären. Wären wir von Mitleid ergriffen gewesen wie die weinenden Frauen am Rand des Kreuzweges und Maria und der Jünger Johannes unter dem Kreuz Jesu? Wären wir, wie Simon aus Cyrene, bereit gewesen, eine zeitlang den Kreuzbalken zu schleppen, um die Last Jesu zu erleichtern? Oder wären wir gleichgültig oder gar feindselig gewesen wie die Menschen in der zuschauenden Volksmenge? Hätten wir die Gesinnung des Kaiphas, des Herodes oder des Pilatus gehabt?

Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass auch heute viele Menschen schuldlos leiden. Im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus haben in 2000 Jahren Millionen von Christen Kraft gewonnen, ihr eigenes Kreuz ohne letzte Verzweiflung zu tragen und am Kreuz anderer Menschen mitzutragen. Sie haben erfahren und konnten bezeugen, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreibt.

Als Evangelium haben wir heute einen Text gehört, der von der Mitverantwortung der Jünger für die Menschen spricht, die zu Jesus gekommen sind. „Gebt ihr ihnen zu essen“, sagt er den Jüngern. Dieses Wort Jesu ist ein Dauerauftrag an die Kirche inmitten der Menschheit. Was Christen einzeln und gemeinsam an Hilfe für Menschen und Völker in Not weltweit und auch im eigenen Land leisten, sollte nicht versteckt oder kleingeredet werden. Es ist ja einer der Erweise dafür, dass Jesus Christus auch heute lebt. Er lebt in den Herzen derer, die wirklich an ihn glauben und die ihm und seinem Evangelium Hirn, Herz und Hände leihen, um Not zu wenden und miteinander glaubhaft Kirche zu sein. In diesen Tagen und Wochen dürfen wir besonders die Not in Afrika nicht vergessen.

Liebe Brüder und Schwestern!
Ich danke allen Verantwortlichen und im Besonderen dem hochverdienten Herrn Gottfried Terler und Herrn Pfarrer Mag. Peter Weberhofer dafür, dass dieser heilige Ort, der Kalvarienberg von St. Radegund und die Heilige Stiege, mit großem Einsatz gepflegt und Instand gehalten werden. Dieser Kalvarienberg und alle anderen Kalvarienberge erinnern nicht nur an den Leidensweg Jesu. Sie erinnern die Besucher und Betrachter auch daran, dass jedes menschliche Leben ein Weg ist: ein Weg mit Fragen nach dem Woher und Wohin und viele Male auch mit der Frage nach dem Wozu, nach dem Sinn des Ganzen. Der heilige Augustinus hat in seinem großen literarischen Werk zur Deutung christlicher Existenz auch auf einen Vers aus den biblischen Psalmen verwiesen. Dieser Vers lautet: „Die Gottlosen gehen im Kreis.“ Der christliche Glaube lehrt uns, das Leben nicht nur biologisch zu deuten: als Kreis, der sich in der Kindheit und Jugend steil öffnet und am Ende müde wieder schließt. Der Kreuzweg Jesu Christi war zwar am Karfreitag zu Ende. Aber das war nicht das Ende des Weges Jesu im Ganzen. Das Ende war Ostern, der Sieg der Liebe Gottes über die Macht von Sünde und Tod.

Darum ist den vielen ergreifenden Bildern des Kalvarienberges von St. Radegund wenigstens in Gedanken ein Bild des auferstandenen Christus hinzuzufügen mit seinen Wunden, die nicht ausgelöscht aber verklärt sind: Christ ist erstanden von der Marter alle singen wir ja in einem schönen alten Osterlied. Das ist ein Anker, an dem wir das kleine Boot unseres Lebens und Glaubens festmachen können, in Zeiten des Sturmes und der Angst.