Predigt beim Gottesdienst am Fest Allerheiligen, 1. November 2011 im Grazer Dom

An zwei Tagen des Kirchenjahres ladet die katholische Kirche dazu ein, der verstorbenen Christen und darüber hinaus aller Verstorbenen besonders zu gedenken. Der liturgische Titel dieser Tage lautet „Allerheiligen“ für den 1. November und „Allerseelen“ für den darauf folgenden Tag. In einer sehr plural gewordenen Gesellschaft, wie der unseren, ist die Zahl derer, die sich dadurch zu einem gemeinsamen Gedenken an die Toten bewegen lassen, kleiner geworden. Dennoch sind es sehr viele, die in unserem Land am Festtag „Allerheiligen“ die Grabstätten ihrer verstorbenen Angehörigen oder Freunde besuchen.

 

Eine der großen Fragen an jeden bewusst lebenden Menschen und an jede Kultur und Religion bezieht sich auf das Thema Tod. Die Antworten auf die Herausforderung durch die Sterblichkeit eines jeden Individuums sind in unserer postmodernen Gesellschaft sehr verschieden. Sie spannen einen weiten Bogen zwischen der christlichen Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott bis zu einem gelassenen oder auch traurigen oder verbitterten Sich-Abfinden mit einer zu erwartenden Auslöschung der menschlichen Existenz im Tod, sodass von diesen Toten nichts übrig bleibt als die Frucht seiner guten und bösen Werke und das Wissen darum im unverlässlichen Gedächtnis der Geschichte.

 

Über alle unzureichenden aber eine Perspektive unbeirrbarer Hoffnung gebenden Worte und Bilder hinaus sagt der christliche Glaube, dass der Mensch im Tod nicht ins Nichts fällt, sondern dass er endgültig vor Gott kommt. Diese endgültige Begegnung ist zugleich Gericht und Gnade, weil Gott zugleich gerecht und barmherzig ist. Wir wissen nicht, ob schließlich auch monströs böse Menschen von der Kraft der Erlösung durch Jesus Christus radikal ergriffen sein werden oder nicht. Jedenfalls glauben wir nicht an einen harmlos lieben Gott, sondern an einen Gott, der in Jesus Christus sein innerstes Wesen offenbart hat und der zur Entscheidung zwischen Gut und Böse herausfordert.

 

Christlich leben ist der beharrliche und grundsätzlich tägliche Versuch zur Nachfolge Christi. Viele christlich getaufte Menschen in Europa haben sich aus dieser Perspektive entfernt, aber viele von ihnen bewundern und verehren dennoch exemplarische Christen wie Mutter Teresa von Kalkutta, die Päpste Johannes XXII. und Johannes Paul II., Edith Stein oder Franz von Assisi. Das sind nur einige der unzähligen Frauen und Männer, die wir als Heilige bezeichnen und deren wir am Fest Allerheiligen zusammenfassend gedenken. Sie sind einerseits Vorbilder für uns alle: Vorbilder, die wir nicht einholen müssen oder auch nur können. Sie können uns aber bewegen, immer neue Schritte zu tun auf dem Weg, den sie uns vorausgegangen sind. Andererseits sind diese Heiligen für uns, für die ganze Kirche und für die ganze Menschheit auch Fürbitter bei Gott.

 

Der tragische Dichter Reinhold Schneider war davon überzeugt, dass das stellvertretende Gebet und Opfer der Heiligen göttliche Strafgerichte aufhalten oder mildern kann, und wir alle sollten an die Kraft solcher Fürbitte glauben, auch an die Kraft unserer eigenen Fürbitte für andere. Wir dürfen uns aber nicht einfach durch die Heiligen vertreten lassen, sondern müssen auch selber heiliger werden wollen. Auch kleine Schritte ergeben dazu einen Weg. Auch uns gilt ja, was der Apostel Paulus den Christen seinerzeit gesagt hat: „Das ist Gottes Wille, eure Heiligung“ (1 Thes 4,3). So ist ein Allerheiligentag für Christen, die ihn bewusst mitfeiern, ein Impetus, sich einen Ruck zu geben, zu einem mehr als mittelmäßigen Menschsein und Christsein: ein Imperativ, der auch mit den Worten „Mensch, werde wesentlich – Christ, werde wesentlich“ ausgedrückt werden kann.

 

Morgen, am 2. November, begeht die Kirche das Gedenken an alle Toten: also ebenso an die bei Gott vollendeten wie an die noch unvollendeten, die man „arme Seelen“ nennt, und deren Zustand man theologisch als Fegefeuer bezeichnet. Man kann für sie um ihre Vollendung beten und sie können dies auch für uns tun. Die Todesgrenze gilt ja in der Lehre der katholischen Kirche als durchlässig. Das füreinander Dasein der Christen hört mit dem Tod nicht auf, weil die Liebe nicht aufhört. Ein großes Wort aus dem Hohelied – einem Buch des Alten Testamtens sagt: „Stärker als der Tod ist die Liebe; große Wasser können sie nicht auslöschen“ (Hl 8,7). In seiner Tiefe ist dieses Wort erst bestätigt worden durch die Auferstehung Christi. Sie hat eine Bresche geschlagen in die verschlossene Mauer, mit welcher der Tod alles Leben umschließt. In dieser Sicht sind der 1. und der 2. November im Kirchenjahr an ihrer Wurzel mit Ostern verbunden, das Miserere öffnet sich zum Alleluja.

 

Viele Menschen fragen nicht nur um den Allerheiligen- und Allerseelentag, wo die Toten sind. Sind sie nur in den Gräbern und im sie segnenden oder verurteilenden Gedächtnis der Nachwelt? Der christliche Glaube sagt, dass die Menschen in ihrer Essenz unsterblich sind: er glaubt nicht, dass die Bösen einfach vernichtet werden; sondern dass alle im Gedächtnis Gottes aufgehoben sind, was ihnen eine Wirklichkeit gibt, die wirklicher ist als unsere handgreiflich erfahrbare Welt.

 

Unverlierbare Heimat, ewiges Aufgehobensein bei Gott nennen wir Himmel. Definitive Heimatlosigkeit fern von Gott nennen wir Hölle. Es ist dem Christen verwehrt, zu behaupten, dass die Hölle leer sei. Es ist ihm aber nicht verwehrt zu hoffen, dass Gott durch Läuterungen hindurch Erbarmung schenkt. Das irdische Leben, die Zeit der Pilgerschaft, vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen Himmel und Hölle, und es ist auf Reife durch immer größere Annäherung an das göttliche Licht angelegt.

 

Wer nur glauben kann, dass die Existenz eines Menschen als Individuum nach 70 oder 100 Jahren definitiv erlischt, der wird versucht sein, egoistisch nach Erfüllung aller irdischen Wünsche zu streben. Er wird die großen Toten ehren oder verdrängen, weil ihr Bild ihm unbequem ist. Wer aber glauben kann, dass die Toten nicht tot sind, der wird für die unvollendeten Toten beten, und er wird die bei Gott vollendeten Toten bitten können, für ihn bei Gott helfend da zu sein, so wie sie zu Lebzeiten für ihn oder andere Menschen da gewesen sind.