Predigt beim Gedenkgottesdienst zum 40. Todestag von Landeshauptmann Krainer senior am 27. November 2011 im Grazer Dom

Vor 40 Jahren ist der Lebensweg des damaligen Landeshauptmannes der Steiermark plötzlich und auf dramatische Weise beendet worden. Es war kein alterssattes Leben, das da inmitten eines Waldes in einer schönen südsteirischen Landschaft am 28. November 1971 zu Ende ging, sondern ein bis zuletzt in voller Schaffenskraft und leitender politischer Verantwortung für die Steiermark gelebtes Dasein. Wenn ein starker Baum im Wald dröhnend zu Boden fällt, dann ist dies weithin zu hören. Einem solchen starken Baum glich auch Josef Krainer, dessen beruflicher Weg in einer frühen Phase ja auch besonders mit Wald und Holz verbunden war. Sein plötzlicher Tod schien vielen Menschen im Land vergleichbar dem Sturz eines starken mächtigen Baumes. Die durch diesen Tod ausgelöste Erschütterung bewegte unzählige Menschen im ganzen Land und darüber hinaus in ganz Österreich. Ein respektvoller und dankbarer Rückblick auf diesen Mann zeigte sein unverwechselbares Profil, dessen Prägung viel mehr durch eigene Leistung geschehen war, als bei vielen anderen Menschen, denen schließlich eine weitreichende hohe Verantwortung in Politik oder Wirtschaft übertragen worden ist. Er hatte z.B. keine höheren Schulen besuchen können, aber er war mit hoher Intelligenz, mit hoher Sensibilität und einem starken Willen so sehr begabt, dass er viele andere politisch Verantwortliche mit akademischer Ausbildung weit überragte. Er hatte einen charismatischen Spürsinn für die Zeichen der Zeit, nahm die sich daraus ergebenden Herausforderungen und Chancen wahr und ließ sich mit voller Kraft darauf ein.

 

Josef Krainer war ein Mann ohne Schnörkel. Das galt auch für sein Profil als katholischer Christ. Viele glaubwürdige Christen, zumal auch einige Priester, begleiteten seinen Lebensweg. Mit Dr. Josef Schoiswohl, meinem zweiten Amtsvorgänger als Diözesanbischof der Steiermark, hatte er nicht nur den Vornamen gemeinsam. Beide verband auch eine besondere Sympathie, ein tiefwurzelndes Vertrauen.

 

Der heilige Josef, dessen Namen heute leider nur wenigen Kindern ins Leben mitgegeben wird, ist Landespatron der Steiermark, was heute mehr und mehr vergessen wird. Er ist nach der Erfahrung unzähliger Christen aus vielen Generationen ein verlässlicher Schutzpatron. Josef Krainer und Josef Schoiswohl haben an diesen Schutz geglaubt und ihn oft erfahren.

 

40 Jahre nach seinem Tod verbindet sich die respektvolle und dankbare Erinnerung an Landeshauptmann Josef Krainer senior für viele Menschen wie von selbst mit einem Blick auf die heutige Situation des Staates und der Zivilgesellschaft in Österreich inmitten der Europäischen Union und Europas im Ganzen. Nach einer Zeit relativer Stabilität und einer fast beständigen und zuweilen sogar steilen Aufwärtsentwicklung stehen wir an einer Schwelle, wo ein weit mehr als durchschnittlicher Einsatz an Intelligenz, Fleiß, Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit gefragt ist, um die Chancen in der Krise zu erkennen und zu nutzen. Einen solchen Einsatz hat Josef Krainer senior in seiner Zeit und unter den damaligen Umständen in vorbildlicher Weise erbracht. Bei seiner Begräbnisfeier hat der ihm befreundet gewesene Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer in seinem unverwechselbarem Dialekt über seinen eben verstorbenen steirischen Kollegen die schlichten Worte gesagt: „Er war für uns ein Vorbild. Wir müssen ihm nacheifern, wir müssen uns bemühen.“ Ich habe als damaliger Hochschulseelsorger an dieser Feier teilgenommen und erinnere mich genau daran und ich glaube, dass diese Worte auch für heute und morgen gelten. Wir haben diesen großen Verstorbenen nicht zu kopieren. Sein Beispiel kann aber für Viele und Vieles in der heutigen Gesellschaft und zumal auch in der Politik inspirierend und motivierend sein.

 

Wie beim Requiem vor 40 Jahren ist auch beim heutigen Gedenkgottesdienst die große liturgische Bitte an Gott nachzusprechen: Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm. Lass ihn ruhen in Frieden.