Predigt bei der Chrisammesse am 4. April 2012 im Grazer Dom

Liebe hier versammelte Christen, Brüder und Schwestern,

und in Ihrer Mitte liebe Brüder im Amt des Priesters und des Diakons,

liebe Ordensfrauen und Ordensmänner und Ihr, die Alumnen unseres Priesterseminars!

 

Wieder werden heute die Krüge jener drei heiligen Öle gefüllt, die ein Jahr lang für die Salbungen bei Taufe, Firmung, Priesterweihe, aber auch in Krankheit und bei andrängendem Tod bestimmt sind. Mit dem Chrisam, dem Öl der Öle, hat ein Bischof jedem von uns Priestern vor Jahren oder Jahrzehnten die Innenflächen der Hände gesalbt. Und mit Chrisamöl wurden alle hier Anwesenden bei der Taufe und bei der Firmung am Scheitel oder an der Stirn gesalbt. So sind wir alle heute bei der Chrisammesse zur Erinnerung an unsere Taufe und Firmung eingeladen. Und heute wie auch morgen bei der Eucharistiefeier „in Coena Domini“ sind die Priester darüber hinaus zu einer vertieften Erinnerung an die bleibende Besiegelung eingeladen, die ihnen bei der Priesterweihe zuteil geworden ist. Bei all dem geht es aber nicht nur um Erinnerungen an den Anfang unseres Christseins bei der Taufe und an den Anfang des Priesterseins bei der Weihe, sondern um ein Schöpfen von geistlicher Kraft aus diesem Ursprung.

 

Inmitten der hier versammelten Christen wende ich mich nun besonders an Euch, liebe Brüder im priesterlichen Amt und Dienst. Nach Jahren der Selbstprüfung und des Geprüftwerdens durch dafür besonders Verantwortliche seid Ihr am Beginn der Priesterweiheliturgie einzeln aus der Mitte der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde hervorgetreten und habt ein „Adsum“ gesprochen, ein „Ich bin bereit, die Priesterweihe zu empfangen“. Dieses kurze Wort, das dem noch kürzeren Wort „Ja“ entspricht, hat alles umschlossen, was Ihr damals gewesen seid und war zugleich ein Akt der Transzendenz, der Selbstübereignung an Jesus Christus zum Dienst an ihm und für ihn inmitten seiner Kirche und inmitten der ganzen Menschenwelt. Dieses anfängliche „Ja“ kann und muss immer neu entfaltet werden im Gebet, in der Sorge um die Euch anvertrauten Menschen und in Einheit mit Euren Mitbrüdern, mit dem Bischof und dem Papst. Ihr habt dieses Versprechen durchgehalten in guten und auch in schwierigen Zeiten – bildhaft gesprochen bei Sonnenschein, Regen und Bodennebel, der sich als Last auf unsere Seelen legt.

 

Vom frühen griechischen Denker Heraklit stammt das Wort „Der Anfang (der Ursprung) herrscht!“ – in altgriechischer Sprache ausgedrückt „ή άρχή ’άρχει“ Das gilt auch für jede echte priesterliche Berufung. Davon gibt auch – freilich in einem erschütternden Paradox – das Leben und Sterben des bekannten französischen Staatsmannes Charles Talleyrand Zeugnis. Als er, der zunächst als Priester und Bischof und dann als exkommunizierter Politiker im Dienst der französischen Revolution und mehrerer nachfolgender Monarchien eine ebenso geniale wie schillernde Gestalt war, schließlich als Greis von 84 Jahren zum Sterben kam, schloss er „in extremis“ Frieden mit der Kirche. Er bat um die Sterbesakramente und als ein Priester ihm als „extrema unctio“ die Innenflächen der Hände salben wollte, wie es der Ritus für Laienchristen damals vorsah, sagte Talleyrand „Ich bin Bischof“ und verlangte die Salbung der Außenflächen seiner Hände, weil die Innenflächen ja viele Jahrzehnte vorher bei seiner Priesterweihe schon gesalbt worden waren. Nach viel Verrat und Verschüttung war also der Ursprung seiner priesterlichen Existenz wieder mächtig geworden.

 

Liebe Priester! Inmitten der Kirche und inmitten der sie umgreifenden Zivilgesellschaft stehen und gehen wir als Priester. Unser unverwechselbarer Platz ist inmitten unserer Gemeinden und Gemeinschaften. Unsere Kirche ist heute zumindest in Österreich betreffend ihren Weg in die Zukunft vielfach nicht einig. Es gibt nicht nur unterschiedliche, sondern auch gegensätzliche Bilder von Kirche und Weihepriestertum. Das Bemühen um Einheit, die nicht nur auf dem Buchstaben, sondern auf Geist und Wahrheit gründet, ist daher ein Dauerauftrag an uns alle. Wir dürfen uns dabei nicht nur auf gewiss wichtige, aber zuletzt nur zweidimensionale Argumente und Organisationsmodelle verlassen, sondern wir müssen gemeinsam mit der Weltkirche tiefer denken und tiefer graben, um immer wieder zu den Quellen lebendigen Wassers zu gelangen. Zu Quellen, die Verdorrendes oder Verdorrtes wieder zum Grünen und zum Blühen bringen können. Die Kirchengeschichte zeigt uns, dass es schließlich vor allem die Heiligen waren, die jeweils eine neue Wende eingeleitet haben. Man denke an Franziskus, Ignatius von Loyola oder Mutter Teresa von Kalkutta. Die Heiligen haben sich radikal auf die Zumutungen Gottes eingelassen und haben viele Menschen dazu bewegt, ebenfalls ernsthafter Christen zu sein.

 

Die drei Evangelischen Räte betreffend Armut, Keuschheit und Gehorsam in der Gesinnung Jesu Christi sind ein bleibender Lebens- und Glaubenshorizont nicht nur für Ordensleute und Priester, sondern grundsätzlich für alle Christen. In diesem Generalhorizont steht auch das Zölibatsversprechen der Priester, an dem die Kirche festhält, obwohl viele Menschen in- und außerhalb der Kirche dies nicht verstehen. Es ist die Gestalt Christi selber, die bewirkt hat, dass die Kirche schon früh und nicht erst – wie fälschlich behauptet wird – im 11. Jahrhundert allen Bischöfen und möglichst auch allen Priestern die zölibatäre Lebensform auferlegt hat. Das Wissen über diese frühe Geschichte ist weithin verdrängt. Der Zölibat macht Priester aber nur dann nicht zu kuriosen Junggesellen, wenn sie versuchen diese Lebensform tief im Quellgrund aller drei Evangelischen Räte zu verankern. Daraus sind in jeder Generation viele Priester erwachsen, die im Ganzen glaubhaft und pastoral sehr positiv prägend gelebt haben und heute leben. Mit Brüchen und Versagen, die es in jeder Lebensform gibt, müssen wir ehrlich und barmherzig, aber nicht beliebig umgehen. Dazu sind wir gerade in den letzten Jahren auch im Zusammenhang mit der Wunde und Schande durch sexuellen Missbrauch von der Kirche anvertrauten Menschen auf neue und wehtuende Weise herausgefordert worden und bleiben dazu herausgefordert.

 

Liebe hier versammelte Christen! Nahe am Karfreitag aber auch nahe am Osterfest feiern wir diese Liturgie. Ostern ist ein Fest gegen die Schwerkraft. Als säkulares Frühlingsfest ist es ein Fest gegen die Müdigkeit im zu Ende gehenden Winter. Als geistliches Fest ist es eine Quelle von Kraft gegen spirituelle Schwerkraft und Müdigkeit. Christus ist nicht nur so auferstanden, dass er seine menschliche Existenz für immer in die Ewigkeit der göttlichen Dreifaltigkeit erhoben hat. Er möchte auch in jedem von uns auferstehen. Er möchte uns Flügel geben besonders auch gegen die Schwerkraft der Sünde in allen ihren Dimensionen. Hier gilt das Wort des großen schlesischen Mystikers und Dichters Johannes Scheffler, den man auch Angelus Silesius nennt. Er hat gesagt:

„Ich sag,

es hilft dir nicht

dass Christus auferstanden,

wo du noch liegen bleibst in Sünd und Todesbanden.“

Und in Weiterführung dieser Worte hat Angelus Silesius seinen Zeitgenossen gesagt:

                        „Blüh auf, gefrorner Christ,

der Mai ist vor der Tür:

Du bleibest ewig tot,

blühst du nicht jetzt und hier.“

 

Das ist ein Osterwunsch auch für heute und er gilt uns allen, die hier im Dom versammelt sind.