Predigt am Fest Fronleichnam, 7. Juni 2012, auf dem Grazer Hauptplatz

Seht, ich bin bei Euch!

 

Auch in diesem Jahr sind wir nach der Feier der Messe im Dom hinausgegangen in den öffentlichen Raum dieser Stadt und haben Jesus Christus in Gestalt des eucharistischen Brotes mit der Fronleichnamsprozession auf dem Weg hierher auf den Hauptplatz unserer Landeshauptstadt begleitet. Diese Prozession ist ein Symbol für unseren Lebens- und Glaubensweg. Und dieser Weg stellt uns immer wieder vor die elementare Frage nach seinem Woher und Wohin und vor die Frage, wer uns dabei begleitet und was unsere Wegzehrung ist.

 

Das Leitwort für die diesjährige Fronleichnamsprozession ist der letzte Satz des Matthäusevangeliums. Es ist ein Wort Jesu Christi an seine Jünger und vermittelt durch sie auch ein Wort an uns alle. In der von uns gewählten verkürzten Form lautet es: „Siehe, ich bin bei euch“ und als Aussage im Ganzen „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. Dieses große Versprechen Christi an die Jünger begleitet die Christenheit seit nun beinahe schon 2000 Jahren. Es ist ein Anker, an den auch wir uns anhalten können und sollen, auch wenn uns die versprochene Nähe des Herrn manchmal auf kurze oder auch quälend lange Zeit verborgen ist.

 

In dieser Predigt will ich versuchen, über das Abschiedswort Jesu vor dem Hintergrund der heutigen Situation von Gesellschaft und Kirche in Europa ein wenig nachzudenken, und zwar mit drei Fragen an diesen kurzen Text.

 

  1. Die erste Frage bezieht sich auf den, der da sagt: „Ich bin, ich bleibe da bei euch!“ Es ist Jesus Christus, von dem unser christlicher Glaube sagt, dass er nicht nur ein Mensch ist, auch nicht nur der größte Mensch, sondern der menschgewordene Gott. Dieser Glaube fügt sich nicht einfach problemlos ein in das Panorama der Weltreligionen, sondern öffnet und übersteigt es, besonders auch bezogen auf den Buddhismus und auf den Islam.

Ob ein Gott sei, das war eine der großen Fragen Immanuel Kants und das ist eine in Europa auch heute wieder virulente Frage bei wachen Geistern, während viele andere Menschen auf unserem Kontinent diese Frage ziemlich gleichgültig auf sich beruhen lassen. Menschen beider Typen sind für fast jeden von uns nicht nur Zeitgenossen, sondern oft auch Verwandte oder Nachbarn und sie sind so eine oft unbequeme Herausforderung, der wir uns stellen sollen, nicht nur durch Argumente, sondern mehr noch durch den täglichen Versuch, ein glaubwürdiger Christ zu sein.

 

Der Dreifaltige Gott erscheint auch suchenden Menschen oder Menschen, die ihn schon gefunden hatten, oft durch lange Zeit als fremd und fern. Aber immer dringt durch die Wolke, die ihn verhüllt, ein Licht, sanft oder auch wie ein Blitz, und verwandelt einen einzelnen Menschen oder auch eine Gemeinschaft so, dass davon eine Kettenreaktion ausgeht, die auch andere verwandelt mit der Geduld eines Sauerteigs oder mit prophetischer Ungeduld von der Art eines springenden Feuers.

 

In einer berührenden Szene seines Films über Franz von Assisi hat Franco Zeffirelli gezeigt, wie Franziskus unter einem riesigen Kreuzbild steht, auf dem Christus als schon tot, also mit geschlossenen Augen, dargestellt ist. Plötzlich öffnet aber der anscheinend Tote die Augen und blickt inmitten einer zum Gottesdienst versammelten aber davon nicht sehr ergriffenen Gemeinde den jungen Franziskus an: nur ihn, die anderen bemerken davon nichts. Dieser Blick Christi verwandelt Franziskus in einen wahren Jünger. Ähnliches geschieht in der Kirchengeschichte immer wieder und auch heute. Vielleicht hat Christus auch manche der hier Anwesenden schon einmal so angeblickt und sie haben es schon wieder halb vergessen. Anderen steht eine solche Erfahrung vielleicht noch bevor.

 

  1. Die zweite Frage an das Leitwort dieser Fronleichnamsprozession „Siehe, ich bin bei euch“ richtet sich an das Wort „bei euch“. Gemeint waren damit zunächst die elf Jünger beim Abschied von der bisherigen Art ihrer Nähe zu Christus vor und nach seiner Auferstehung. Gemeint ist damit dann aber die ganze Christenheit auf ihrem Weg durch die Geschichte. Und gemeint ist damit schließlich inmitten der ganzen bunten Christenheit die katholische Kirche mit dem Papst, dem Petrus von heute. Aus dem Boot des Apostels Petrus auf dem See von Galiläa ist längst das riesige Schiff der katholischen Kirche geworden. Es ist heute wieder einmal starken Turbulenzen ausgesetzt und wer von außerhalb oder manchmal auch von innerhalb der Kirche nur Fehler und Schwächen sieht, ist bald versucht zu fragen, ob Jesus Christus wirklich im Boot ist. Wer aber bereit ist, die ganze Wirklichkeit der Kirche zu sehen, der sieht auch ihre Schönheit und erfährt ihre Kraft. Vergleicht man die Kirche mit einem Bauwerk, dann sieht man heute vielerorts in Europa nicht wenige Sprünge und Risse. Und dennoch kann man im versuchten Blick auf das unzählige Positive auch heute das Lied „Ein Haus voll Glorie schauet“ singen, wie es die in großer Zahl versammelte Gottesgemeinde in Trofaiach am vergangenen Sonntag am Beginn der Liturgie gesungen hat, in der ich den neuen Altar konsekrieren konnte.

 

Unsere Weltkirche ist, anders als viele Stimmen in Europa behaupten, nicht erstarrt. Sie bewegt sich auch heute und sie wird sich weiter bewegen, freilich kaum in Sprüngen, sondern in Schritten, die aber allemal auch einen Weg ergeben. Eine unsolidarische Ungeduld mit der Kirche schwächt ihre Kraft und schwächt indirekt auch die ganze heute sehr labile Gesellschaft in Europa. Eine stabilere Kirche stärkt auch die Stabilität der Zivilgesellschaft.

 

  1. Die dritte Frage an das Leitwort unserer diesjährigen Fronleichnamsprozession bezieht sich auf das Wort „Welt“. Christus sagt da: „Ich bleibe bei euch bis zum Ende der Weltzeit.“ Welt bedeutet hier nicht vor allem den Kosmos in seinen immensen Dimensionen, sondern die Menschenwelt auf unserem wohl einzigartigen Planeten Erde. In der Reduktion auf Soziologie spricht man von Welt gerne nur als Gesellschaft. Über das Verhältnis von Kirche und Welt hat das II. Vatikanische Konzil einen sehr inspirierenden Text verfasst, der 50 Jahre nachher intensiv neu bedacht werden sollte. In unserer Diözese sind wir dabei, uns dem dynamischen Erbe des ganzen Konzils intensiv zuzuwenden. Dies soll auf einem „Diözesanen Weg“ geschehen, der gemeinsam mit der Weltkirche und ihrem „Jahr des Glaubens“ im Oktober beginnen und im Jahr 2018 mit dem 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz-Seckau enden wird. Auch für heute und morgen gilt jedenfalls, dass die Kirche zur Gesellschaft in einer offenen und intensiv solidarischen Beziehung stehen soll und will. Wir stehen dieser Gesellschaft aber in vielem auch kritisch gegenüber – man denke z.B. an Fragen betreffend Schutz und Entfaltung des menschlichen Lebens und seiner Umwelt. Und wir haben durch unseren Glauben eine Botschaft, die Welt und Gesellschaft gegen alle Selbstverschließung offen halten will für Transzendenz auf Gott hin über Welt hinaus.

 

Liebe hier versammelte Christen, Brüder und Schwestern!

In unserer Mitte sehen wir eine Scheibe schlichten weißen Brotes umgeben von einem kostbaren metallenen Gefäß, das wir Monstranz nennen. Unser Glaube sagt uns, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, der zur Zeit seines irdischen Lebens für die Menschen wie Brot war, hier wirklich gegenwärtig ist und uns helfen möchte, mehr und mehr auch wie Brot zu werden für andere Menschen in einem Prozess der Verwandlung, der uns oft auch wie durch Wasser und Feuer führt. Aber es ist schließlich schön zu erleben, dass wir in der Nachfolge Christi gebraucht werden wie Brot.