Geschichte der Diözese Graz-Seckau

Ein Überblick unserer bewegten Diözesangeschichte

Aus der Geschichte der Diözese

Text: Alois Ruhri

Die Gründung

Seit dem Beginn der Missionierung des Ostalpenraumes im 8. Jahrhundert war das Kirchenwesen immer mehr erstarkt. Die kirchliche Oberhoheit über den ganzen Raum übte das Erzbistum Salzburg aus. In Kärnten hatte der hl. Gebhard schon 1072 einen Bischofssitz in Gurk errichtet. Mit der Durchsetzung des Landesfürstentums im Hochmittelalter wurden aber die Wünsche nach weiteren derartigen Landesbistümern von Seite der einzelnen Landesherren immer stärker. Das Erzbistum Salzburg war selbst zum selbständigen Landesfürstentum geworden. Um nicht der Gegnerschaft anderer Landesherren ausgesetzt zu sein und um größeren politischen und territorialen Schaden vom Erzbistum abzuwenden, errichtete Erzbischof Eberhard ll. in seinem Einflussbereich von sich aus mehrere Kleinbistümer, nämlich 1215 Herrenchiemsee in Bayern, 1218 Seckau in der Steiermark und 1225 Lavant im steirisch-kärntnerischen Grenzbereich. Die konkreten Vorbereitungen und Verhandlungen für die Gründung des Bistums Seckau begannen bereits 1217. Im Herbst dieses Jahres reiste im Auftrage von Erzbischof Eberhard II. Propst Karl von Friesach nach Rom, um über die Bistumsgründung zu verhandeln. Die Verhandlungen verliefen offensichtlich erfolgreich. Die Bistumsgründung selbst ist urkundlich nicht direkt belegbar, sie kann aber einerseits durch die päpstliche Erlaubnis dazu vom 22. Juni 1218, durch ein entsprechendes päpstliches Schreiben vom 8. Juli 1218 an das Stift Seckau und schließlich nach erfolgter Gründung durch die weltliche Bestätigung von König Friedrich II. vom 26. Oktober 1218 für den Hochsommer oder frühen Herbst des Jahres 1218 angenommen werden. Als die „Gründungsväter" des neuen Bistums können Erzbischof Eberhard II., Papst Honorius III., König Friedrich II. und der steirische Herzog Leopold III. der Glorreiche angesehen werden.

Am 17. Februar 1219 beurkundete Erzbischof Eberhard II. gewissermaßen die Geschäftsordnung des Bistums: Wahl und Einsetzung des Bischofs standen demnach allein dem Salzburger Erzbischof zu. Das Territorium des Bistums umfasste lediglich einen schmalen Streifen von Seckau über das Murtal und die Stubalpe in das Kainachtal und zur Mur bei Wildon. Von den insgesamt 13 Pfarren gehörten die meisten den Stiften Seckau und St. Lambrecht.

Spätmittelalter

Zum ersten Bischof wurde der bereits genannte Propst Karl von Friesach erwählt. Mit der Verwaltung des eigenen Bistums übernahm er auch das salzburgische Generalvikariat für das Herzogtum Steiermark. Diese Regelung hatte mit geringen Abweichungen bis zur Diözesanregulierung 1786 Gültigkeit. In der spätmittelalterlichen Steiermark entwickelte sich zunächst ein reges religiöses Leben, zahlreiche neue Pfarren entstanden, Stifte und Klöster wurden gegründet. Neben diesen erfreulichen Zeichen eines gläubigen Zeitgeistes finden sich aber auch viele negative Auswüchse: Bischöfe, die sich mehr um Politik und Diplomatie kümmerten als um die Seelsorge; Pfarrer, denen die Pfarrpfründe wichtiger war als die Pfarrseelsorge.

Die wirtschaftliche Basis des Bistums waren zunächst die so genannten Mensalpfarren (Fohnsdorf, Leibnitz, St. Veit am Vogau und St. Ruprecht an der Raab, später noch St. Georgen an der Stiefing, Straden, Gaal, St. Andrä bei Graz, Radkersburg und Mooskirchen), daneben besaßen die Bischöfe ausgedehnte Lehensgüter, durch die sie aber in so manche unerwünschte und für das Bistum unvorteilhafte Abhängigkeit gerieten und durch die sie gezwungen waren, sich politisch und fallweise sogar militärisch zu betätigen.

Der ursprüngliche Bischofssitz war das Stift Seckau. Doch bereits im Laufe des Mittelalters verlegten die Bischöfe ihre Residenz in das von ihnen sukzessive ausgebaute Schloss Seggau bei Leibnitz, fallweise residierten sie auch bereits im Grazer Bischofhof.

Reformation und Gegenreformation

Zu Beginn der Neuzeit stürzte die Diözese in eine der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Das Luthertum lässt sich in der Steiermark in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts bereits recht deutlich nachweisen. Innerhalb weniger Jahre wendeten sich zahlreiche Adelige, Bürger, aber auch Kleriker der protestantischen Lehre zu. Zur Jahrhundertmitte entwickelte sich daraus schließlich eine wahre Volksbewegung, der die katholischen Würdenträger zunächst nur wenig entgegenzusetzen hatten.

Erst als Graz 1564 Residenz der innerösterreichischen Linie der Habsburger wurde, gewann infolge der konsequenten Gegenarbeit des habsburgischen Hofes – ab 1572 unterstützt von den ins Land gerufenen Jesuiten – die Rekatholisierung die Oberhand. 1579 entwickelten in München die katholischen Fürsten von Bayern, Tirol und Innerösterreich das politische Konzept der Gegenreformation. Von kirchlicher Seite war es schließlich Bischof Martin Brenner, der mit Unterstützung der landesfürstlichen Macht an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert die Gegenreformation konsequent durchführte, aber darüber hinaus auch für eine katholische Reformation in seiner Diözese sorgte. Mancherorts, vor allem in den gebirgigen Landschaften der Obersteiermark, konnte sich der Protestantismus im Geheimen zwar weiter behaupten, der Großteil der steirischen Bevölkerung wurde aber wieder katholisch. Den heute noch allerorts sichtbaren Ausdruck des Sieges des Katholizismus verkörpert die Barockkunst: Zahlreiche steirische Stifte, Klöster und Kirchen wurden in dieser Zeit, wenn schon nicht neu- oder umgebaut, so doch erweitert oder wenigstens barock ausgestattet.

Der Josephinismus

Starke Veränderungen erfuhr das kirchliche Leben der Diözese erst wieder während der Regierung Kaiser Josephs II. (1780-1790), der die Kirche fallweise überhastet zu radikalen Reformen zwang. Zahlreiche Klöster wurden aufgehoben (u. a. Göß, Neuberg, Stainz, Pöllau, St. Lambrecht – 1802 wieder errichtet, Seckau – 1883 wieder errichtet), dafür aber wiederum viele neue Pfarren errichtet. Der Bischofssitz wurde nun endgültig nach Graz verlegt, das Stiftskapitel in Seckau 1782 aufgelöst und in Graz ein eigenes Domkapitel geschaffen. Am 26. November 1786 wurde Fürstbischof Josef III. Adam Graf von Arco mit dem neuen Domkapitel in der zur Kathedrale erhobenen Ägidiuskirche in Graz installiert. Durch die ebenfalls 1786 durchgeführte Diözesanregulierung vergrößerte sich die Seelenzahl des Bistums um mehr als das Zehnfache.

Die gleichzeitig geschaffene Diözese Leoben, deren Gebiet im Wesentlichen die Obersteiermark umfasste, hatte nur einen kurzen Bestand. Sie wurde nach dem Tode ihres einzigen Bischofs, Alexander Graf Engel, im Jahre 1800 zunächst vom Seckauer Bischof mit administriert und 1859 in das Gebiet der Diözese Seckau integriert.

Katholische Erneuerung

Durch die josephinischen Reformen war aber nicht nur viel Überholtes über Bord geworfen worden, auch positive Errungenschaften waren dadurch verloren gegangen. Den geistigen Umwälzungen der Zeit der Aufklärung standen – bedingt u. a. durch die Schließung der Grazer Universität im Jahre 1773 – schlechte theologische Ausbildung der Priester und mangelnder Priesternachwuchs gegenüber. Von 1812 bis 1824 war der Seckauer Bischofsstuhl infolge der politischen Umwälzungen während der napoleonischen Zeit unbesetzt.

Auf den folgenden Bischof, Roman Sebastian Zängerle, wartete viel Arbeit. Er ging tatkräftig ans Werk. Seine besondere Sorge galt zunächst dem Priesternachwuchs. Das Priesterseminar wurde reformiert, das Knabenseminar gegründet. Die unter Kaiser Joseph ll. verbotenen Volksmissionen wurden wieder eingeführt, mehrere aufgehobene Klöster von kontemplativen Orden wurden wieder errichtet. Besonderer bischöflicher Förderung erfreuten sich die auf apostolische Arbeit ausgerichteten Ordensgemeinschaften wie die Barmherzigen Schwestern, die Grazer Schulschwestern und die Frauen vom Heiligsten Herzen Jesu. Als Bischof Zängerle im Revolutionsjahr 1848 verstarb, hinterließ er eine wohl geordnete Diözese, die die negativen Folgen der josephinischen Ära überstanden hatte und in der seine Nachfolger erfolgreich weiterarbeiten konnten.

Am 1. September 1859 wurden die beiden Bistümer Seckau und Leoben vereinigt, gleichzeitig wurden die untersteirischen Gebiete an das Bistum Lavant abgetreten. Abgesehen von einigen Gebietsverlusten infolge der Grenzziehung nach dem 1. Weltkrieg entsprachen die Diözesangrenzen von 1859 bereits den Grenzen des heutigen Bundeslandes Steiermark.

Die neue Zeit

Die Trennung von Staat und Kirche hatte sich ansatzweise – z. B. im Schulwesen – bereits im 19. Jahrhundert abgezeichnet. Nach dem Untergang der Habsburgermonarchie und der Gründung der Republik Österreich verlor die Kirche zwar manche Förderung durch den Staat, umgekehrt gewann sie damit aber neue Freiräume und neue Chancen. Die politischen Wirren und die gesellschaftlichen Umbrüche der 1. Republik bedeuteten für die katholische Kirche eine gewaltige Herausforderung, die zwar angenommen, aber nicht immer gemeistert wurde. Vor allem gelang es nicht, die Arbeiterschaft, deren Kirchenferne und manchmal sogar Kirchenfeindlichkeit ein Erbe des 19. Jahrhunderts waren, für die Kirche zu gewinnen. Anderseits gelang durch die Gründung der Katholischen Aktion im Jahre 1928 eine stärkere Einbeziehung der Laien in die apostolische Tätigkeit der Diözese.

Bischof Ferdinand Pawlikowski wiederum ist vor allem das Verdienst zuzuschreiben, dass er mit Mut und Einfühlungsvermögen die Diözese durch die Zeit des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges führte.

Nachkriegszeit und Zweites Vatikanisches Konzil

Die Nachkriegszeit forderte von der Diözese eine Anpassung an die neuen Siedlungsstrukturen, die durch die Bevölkerungsmobilität – vor allem durch die starke Landflucht – verursacht wurden. In den städtischen Ballungszentren mussten 39 neue Pfarren errichtet und zahlreiche Kirchen gebaut werden. In die Amtszeit von Bischof Josef Schoiswohl fiel das II. Vatikanische Konzil mit neuen geistigen Auseinandersetzungen, die auch vor der Diözese Graz-Seckau – so der offizielle Name der Diözese seit 1963 – nicht Halt machten.

Nach der Resignation von Bischof Schoiswohl zum Jahresende 1968 wurde der Stadtpfarrer von Graz-St. Andrä, Johann Weber, zum 56. Bischof der Diözese Graz-Seckau ernannt. In seiner über 30-jährigen Amtszeit war Bischof Weber ebenso wie die ganze Diözese mit dem massiven Wertewandel in Staat und Gesellschaft konfrontiert. Der augenscheinlichen Abnahme an Kirchlichkeit im städtischen und ländlichen Bereich steht eine von der Diözesanleitung geförderte quantitative und qualitative Steigerung des Laienapostolates gegenüber, wobei vor dem Hintergrund des drückenden Priestermangels nicht nur auf Funktionärsebene, sondern vor allem in der pfarrlichen Basisarbeit der ehrenamtlichen Tätigkeit der Laien zunehmende Bedeutung zukommt.

Dialog für Österreich

Dem Individualismus des postmodernen Menschen wurden ganz bewusst auch gemeinschaftsbildende Großveranstaltungen entgegengesetzt. So z. B. der VI. Steirische Katholikentag im Juni 1981, der unter das programmatische Motto „Fest der Brüderlichkeit" gestellt war. 1983 besuchte Papst Johannes Paul II. Mariazell. Im Juni 1993 erreichte ein dreijähriger, unter das Motto „Dialog" gestellter Gesprächsprozess mit zahlreichen gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und religiösen Gruppen ebenfalls mit einer Großveranstaltung, dem „Tag der Steiermark", seinen Höhepunkt. Diese Dialogbereitschaft des Bischofs und der Diözese wird auch dadurch dokumentiert, dass für die „Zweite Europäische Versammlung" 1997 unter dem Thema „Versöhnung – Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens" Graz als Veranstaltungsort ausgewählt wurde. In seiner Funktion als Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz (April 1995 – Juni 1998) leitete Bischof Johann Weber als maßgeblicher Mitinitiator den „Dialog für Österreich" ein.

Am 14. März 2001 folgte ihm Egon Kapellari, bisher Bischof von Gurk, ein gebürtiger Steirer, als 57. Diözesanbischof nach. In seiner Amtszeit besuchte 2007 Papst Benedikt XVI. Mariazell. Er war stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bischofskonferenz, wo er die Referate Liturgie sowie Kultur und Medien leitete. Kapellari wurde 1986 Mitglied im Päpstlichen Rat für die Kultur und war von 1996 bis 1998 Mitglied im Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE). Zusätzlich wurde er 1997 Konsultor der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche in der österreichischen Bischofskonferenz. 

Kapellaris Rücktrittsgesuch als Diözesanbischof mit 75 Jahren wurde 2011 abgelehnt und ihm eine Verlängerung von zwei Jahren gewährt. Am 24. Jänner 2015 gab Kapellari in einem Hirtenbrief seinen in wenigen Tagen folgenden Rücktritt bekannt. Nach Kapellaris Emeritierung wurde am 28. Jänner 2015 Heinrich Schnuderl vom Domkapitel zum Diözesanadministrator gewählt. Am 16. April 2015 wurde Wilhelm Krautwaschl von Papst Franziskus zum Diözesanbischof ernannt. Die Weihe fand am 14. Juni statt.


Derzeit arbeiten AutorInnen rund um Alois Ruhri an einem Buch über die Diözesangeschichte, das zum Diözesanjubiläum 2018 erscheinen wird. Nähere Informationen zur Publikation finden Sie hier. 



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