Von den Tugenden zu den christlichen Sozialprinzipien.
Das Christentum hat von seinen Anfängen an immer die Untrennbarkeit des Glaubens an Gott mit einem Leben aus diesem Glauben heraus betont. Zum „gottgefälligen Leben“ – um diesen alten Begriff hier zu verwenden – hat immer beides gehört, die Nachfolge Christi war und ist ein Lebens- und Glaubenskonzept, eben weil Glaube und Leben für uns Christinnen und Christen untrennbar sind.
Weisheit, Mut, Gerechtigkeit und das Maßhalten sind antike vorchristliche Tugenden. Gemeinsam mit den paulinischen Idealen von Glaube, Hoffnung und Liebe als „göttliche Tugenden“ (1 Kor 13) wurden diese sieben Haltungen zu unveräußerlichen Pflichten eines Lebens aus dem Glauben.
Im konkreten Glaubenssinn der Christinnen und Christen wurden die sieben Tugenden zunehmend als Gegenpole zu den sieben Hauptsünden (Eitelkeit, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit) oft fälschlicherweise und volkstümlich Todsünden genannt, verstanden.
Mit den Herausforderungen der industriellen Revolution und der damit einhergehenden Urbanisierung, aber auch angesichts des Kulturkampfes gegen Kirche und Religion im 19. Jahrhundert kam es zu einer immer deutlich werdenden Trennung zwischen einer mehr am Individuum orientierten Moraltheologie und einer mehr an gesellschaftlichen Fragen arbeitenden christlichen Sozialethik.
Säkularisierung und Laizismus als immer stärker werdende gesellschaftliche Strömungen machten es zudem notwendig, den Glauben in seiner gesellschaftlichen Bedeutung neu zu verorten.