Predigt beim Eröffnungsgottesdienst des Diözesanjubiläums in Seckau

Am Tag meiner Bischofsweihe vor 2 1/2 Jahren habe ich in meinen Dankesworten gesagt: "Wenn gefragt wird, welches Programm ich für meinen Dienst und den Weg in der Kirche von Graz-Seckau habe, dann muss ich sagen: Ich habe kein anderes als das Evangelium. Diese Botschaft ist Freude und Erfüllung. Sie bestimmt mein Leben. Es ist 'Programm' für heute und morgen – ein Programm, das nie verbraucht und nie alt ist. Denn: Gott ist immer auf der Höhe der Zeit. [...] Das Evangelium möge uns Programm und Kompass auf unserer gemeinsamen Wegstrecke sein und uns jene tiefe Freude schenken, die wir als Sinn unseres Lebens ersehnen. Die Freude des von uns allen gelebten Evangeliums strahlt aus. Sie kann auch den Suchenden in und außerhalb unserer Kirche Licht und Wegweisung sein. Daher, liebe Brüder und Schwestern: Suchen wir IHN, das Fundament dieser Freude, und schenken wir sie weiter!" Diese Worte möchte ich heute an den Beginn der Feier unseres Diözesanjubiläums stellen, der mit dem Ende der Innenrenovierung der altehrwürdigen Basilika von Seckau, der Wiege unserer Diözese, zusammenfällt.

Die Freude über das Evangelium ist erfüllt von Dankbarkeit. Wir hier an diesem Ort, unter der großen romanischen Kreuzigungsgruppe, sind dankbar dafür, dass wir das Evangelium empfangen durften, das unser Land geprägt hat. Unsere Dankbarkeit schließt Fehler und Sünden über die Jahrhunderte herauf nicht aus: Sie haben die Kraft der Botschaft Jesu Christi mitunter verdunkelt, aber die Zusage des Apostel Paulus an die junge Gemeinde in Korinth war auch in solchen Zeiten lebendig und gilt uns ebenso heute: "das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, so dass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn, wartet" (1Kor 1,6).

Die Einwurzelung christlichen Glaubens in unsere Heimat bekunden viele große und kleine, zu Stein gewordene Zeugen. Sie sind ein Erweis der gestaltenden Kraft des Christentums und sie waren zuweilen auch Zeugen für einen "Stein des Anstoßes", für so manche Verirrung. In Verantwortung für das Erbe und im Auftrag für die Zukunft pilgern wir so am schmalen Grat der Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft. Beide vereinen sich heute im Hier und Jetzt dieser Feier; beide sind verbunden in unserem "Hiersein" mit den grundlegendsten Fragen: "Woher kommen wir? – Wohin gehen wir? – Was ist der Sinn meines Daseins." Diesen Reflexionsbogen aus Vergangenheit in die Zukunft spannen auch die acht Fragen, die uns durch das Diözesanjubiläum begleiten. Sie stehen unter der Grundsatzfrage "Glauben wir an unsere Zukunft?" Oder man könnte, auf uns gewendet, zuspitzen: "Hat Glaube Zukunft?"

Eine erste Frage hat sich in der Zeit der Reformation in die Steiermark wie keinem zweiten Land in Österreich eingeprägt: "Wer hat die richtige Religion?" Heute prägen gelebte Ökumene und ein tolerantes Verhältnis zu anderen Religionen unser Land. – Danke, geschätzter Herr Superintendent, für dieses positive Zeichen, das Du mit Deiner Anwesenheit hier setzt. So wird deutlich, dass aus einem "Gegeneinander" ein "Nebeneinander" und sogar ein "Miteinander" werden können.

Zur zweiten Frage "Was würdest Du morgen zurücklassen?": Die Dogmatische Konstitution über die Kirche des Zweiten Vatikanischen Kozils "Lumen Gentium" beschreibt "Kirche" unter anderem als "pilgerndes Gottesvolk" auf der Reise durch die Zeiten. Tausende Menschen sind diesen Glaubensweg vor uns in unserer Heimat bereits gegangen und haben im positiven Wortsinn uns etwas "zurückgelassen". Auch wir müssen in ständiger Erneuerung "aufbrechen". Das steckt auch im Begriff "renovare - erneuern". Dieser nun innen renovierte "Dom im Gebirge" (Stiftshistoriker Benno Roth), der den Betenden Schiff des Glaubens durch die Jahrhunderte war und ist, steht symbolisch für diese Frage. Aus der Kraft des Evangeliums schöpfend, bauen wir stets auf das auf, was uns geschenkt wurde, und brechen zugleich immer wieder auf in die Zukunft, in die Gott uns ruft. Er, unser Herr und Meister, bewahrt uns dabei vor einer Vergangenheitsverklärung. Er aber ist es auch, der uns dabei hilft, dabei keiner oberflächlichen Zukunftsgläubigeit zu verfallen.

Am Grat der Gegenwart stellt sich eine dritte Frage: "Muss ich heute Angst haben?" – Wir tun dies in einer Zeit, die noch nie so sicher war, und in der wir uns dennoch mehr und mehr versichern wollen – koste es was es wolle. Die Bibel kennt Geschichten von Angst, die letztlich aber im Vertrauen auf Gott, als Herrn über Zeit und Raum, aufgehoben wird. Auch heute, am Beginn des Advents, werden wir zu dieser gläubigen und vertrauenden Wachsamkeit gerufen: "ER ist der Herr der Welt".

Eine vierte Frage benennt die Spannung von geschenkter Freiheit und nötiger Orientierung: "Wollen wir noch selbst denken?" Christus schenkt uns Freiheit wie auch Orientierung. Die Kirche hat in ihrer Geschichte wohl den mahnenden Zeigefinger – mitunter zu oft – erhoben, aber sie hat auch vielen das befreiende Wort zugesprochen. Wir werden immer in der Spannung "in und gegenüber" der Welt leben, aber als Christen wissen wir: ER ist unser Weg!

Die fünfte Frage "Ist Armut unfair?" ist wohl auch eine Zuspitzung all jener Initiativen, die in unserem Land gesetzt wurden und werden, die die Armut kleiner und geglücktes Leben größer machen. Ich danke all jenen, die gelebte Nächstenliebe zum Ort der Begegnung mit unserem Heiland machen. Denn Caritas ist nicht nur einfach Solidarität, sie ist der Ruf Christi.

Dies bringt uns zur sechsten Frage: "Wie viel Macht braucht die Kirche"? Die Verfasstheit der Kirche, wie sie vor über 800 Jahren in unser Land eingepflanzt wurde, gibt es so nicht mehr. Ebenso wandelt sich Gestalt und Form von Kirche in heutiger Zeit. Das "Zukunftsbild" unserer Diözese versucht mutige Schritte in die Zukunft zu setzen. Daher werde ich am Ende dieser Feier vor dem Gnadenbild der Mutter Gottes, der "Hausfrau von Seckau", unser Zukunftsbild unterzeichnen. Ihr vertrauen wir daher unsere Diözese, ja unser Land an.

Da schwingt auch schon etwas von der Frage mit: "Brauchen wir Grenzen?" Oder anders gefragt: Was gibt uns Identität? Haben wir nicht dem nachzufolgen, den wir als "heruntergekommenen Gott" bezeichnen könnten, und auf dessen Geburtsfest wir uns in diesen Wochen vorbereiten? Ja: wir glauben an einen Gott, der Grenzen überwunden hat, der Mensch UND Gott ist, der den Tod besiegt hat und uns ewiges Leben schenkt.

"Rettet Schönheit die Welt?" lautet die achte Frage, die – blickt man in diese schlichte und dennoch prächtige Basilika – mit einem Ja beantwortet werden kann. Doch wir alle wissen, Schönheit allein vermag die Welt nicht zu retten. Wohl aber kann Gott im Schönen und Edlen gefunden werden. – Ich danke Dir, lieber Pater Prior-Administrator Johannes und dem ganzen Konvent, dem Land Steiermark, das heute durch den Herrn Landeshauptmann persönlich repräsentiert wird, der Gemeinde Seckau, sen steirischen Kirchenbeitragszahlern und -zahlerinnen und allen Unterstützenden dieses ehrwürdigen Stiftes.

Voll des Dankes blicken wir auf ein reiches Erbe, aber auch auf die Herausforderungen der Zukunft. Erliegen wir dabei nicht der Gefahr, unser Erbe bloß verwalten zu wollen, sondern gehen wir zu den Menschen hinaus, um "Zukunft zu säen" – wie es das Motto des Diözesanjubiläums sagt. Es liegt an uns, an jeder einzelnen und an jedem einzelnen, das Wort Gottes aus dieser reichen Saatkammer, wie dieser "erste Dom" es versinnbildlicht, hinauszutragen und einzupflanzen ins Hier und Jetzt. Seien wir als Nachfolger unserer Mütter und Väter im Glauben dazu bereit. ER, der Herr, möge die Saat des Glaubens aufgehen und reich gedeihen lassen in unserem Land. Amen.



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