Predigt beim Erntedankgottesdienst am Sonntag, 9. September 2012 in St. Lorenzen im Paltental

Liebe Christen dieser alten Pfarre St. Lorenzen im Paltental!

 

In den vergangenen Wochen war die Aufmerksamkeit der ganzen Steiermark, ja ganz Österreichs auf Ihren Ort gerichtet in Folge einer Naturkatastrophe, die hier viel mehr Schaden angerichtet hat als in anderen, auch von Unwettern heimgesuchten Orten. Die Medien haben ausführlich darüber berichtet. In einer steirischen Tageszeitung hieß es: „Stiller Zorn und Hoffnungslosigkeit hatten die ersten Tage nach der Mure in St. Lorenzen geprägt. Und (dazu) die bange Frage: ‚Werden wir je wieder in unseren Häusern wohnen können?’“ Soweit die Zeitungsmeldung.

 

Aber schon bald folgten Berichte über die große Solidarität, die dadurch in St. Lorenzen selbst und im ganzen Land wachgerufen worden ist. Wieder einmal hat sich ein Wort des großen Dichters Hölderlin bewahrheitet, der gesagt hat: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Feuerwehrleute -wie schutzlos wären alle unsere Gemeinden und Städte ohne die Feuerwehren!-, Soldaten und viele andere Helfer und Helferinnen haben in Tausenden Arbeitsstunden St. Lorenzen wieder halbwegs bewohnbar und sicher gemacht. Und von außerhalb kam Hilfe durch Solidaraktionen von Caritas, Rotem Kreuz, Volkshilfe und Medien, um nur einige zu nennen. Dafür ist großer Dank zu sagen.

 

Vieles ist aber in St. Lorenzen unwiederbringlich zerstört worden und manche Wunden und Narben werden noch lange bleiben. Ich wollte schon gleich nach der Katastrophe hierher kommen, aber dann wäre ich mangels technischer Fähigkeiten den Helfern eher im Weg gestanden. Jedenfalls wollte ich hier aber bald einen schlichten Sonntagsgottesdienst mit der Pfarre feiern, um ihr die Verbundenheit mit der ganzen Diözese zum Ausdruck zu bringen. Ihr Pfarrer, Pater Michael, hat dann aber vorgeschlagen, dass ich heute komme, und er hat mir gesagt, dass die Pfarre St. Lorenzen trotz aller Heimsuchung auf das jährliche Erntedankfest nicht verzichten will. Und so bin ich heute bei Ihnen, um mit Ihnen etwas zu tun, was in unserem Leben als Menschen und Christen immer wieder geschehen kann, geschehen muss, damit unser Leben nicht flach und banal wird: nämlich bitten und danken.

 

Zu bitten gibt es immer genug, denn als Menschen sind wir Mängelwesen, angewiesen auf die Gemeinschaft mit anderen Menschen und angewiesen nicht nur auf das, was sie uns gerechterweise geben müssen, sondern auch auf das, was darüber hinausgeht: Freundlichkeit, Großzügigkeit. Darum können wir nur bitten und dafür sollen wir auch danken. Eine Gesellschaft, in der das Bitten und Danken immer seltener wird, entwickelt zerstörerische Kräfte. Daher sollte besonders in den Familien und in den Schulen den jungen Menschen der Sinn dieses Bittens und Dankens überzeugend erschlossen werden. Der christliche Glaube motiviert uns aber darüber hinaus zum Bitten und Danken gegenüber Gott.

 

Vielen Menschen erscheint Gott nicht erst heute als fern und fremd und oft so fern, als ob es ihn gar nicht gäbe. Wer sich aber auf Gott wirklich einlässt, wer ihn in sein Leben als gestaltende Kraft einlässt, der erschließt sich eine Quelle von Sinn, von Energie, die ihn sozusagen wetterfest macht; die ihm Leid nicht erspart, aber immer wieder auch Freude aufkommen lässt. Das, liebe Christen, ist der Grund dafür, dass wir ein Erntedankfest feiern können, auch nach und trotz Natur- und anderen Katastrophen. Und wir können mit einem alten Kirchenlied sagen und singen: „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über die Flügel gebreitet.“ Oder wir können bestätigen, was der Dichter Anton Wildgans vor Jahrzehnten in einem Lob auf Österreich gesagt hat: „Was auch Geschick beschied, immer noch blüht ein Lied.“ Und so gibt es auch heute hier in St. Lorenzen wieder Musik: weltliche und geistliche Musik als Ausdruck von Freude und Dankbarkeit.

 

Liebe Christen dieser Pfarre!

Euer Ort trägt den Namen des heiligen Diakons Laurentius, der vor mehr als 1500 Jahren zu Tode gemartert worden ist, weil er den christlichen Glauben nicht aufgegeben hat. Er war in der Kirche der Stadt Rom eine Art „Caritasdirektor“ und als solcher für den Dienst an den vielen dort lebenden materiell und geistlich armen Menschen koordinierend zuständig. Sein Name sollte auch hier in St. Lorenzen ein Programm sein für das Leben der hiesigen Christen heute und morgen. Er steht für einen strapazfähigen Glauben; für einen Glauben, der sich nicht aus Bequemlichkeit versteckt, der nicht arrogant, sondern hilfsbereit ist. Für einen Glauben von Menschen, die sich immer weiterbilden und daher fähig sind, inmitten einer sehr pluralen Gesellschaft mit Menschen aus anderen Religionen und auch mit Menschen ohne Religionsbekenntnis über den christlichen Glaube und die Kirche so zu sprechen, dass sie verstanden und ernstgenommen werden. Die Kraft zu all dem kommt zuletzt nur aus dem Gebet, aus den Sakramenten und aus der regelmäßigen Mitfeier der Heiligen Messe. Wer sich darauf großzügig einlässt, der wird nicht scheitern. Um Euer Vertrauen darauf zu stärken, bin ich zu Euch gekommen, liebe Christen in St. Lorenzen, und ich bitte Euch darum.