Predigt bei der Heiligen Messe für die Mitglieder der Päpstlichen Sozialakademie am 30. April 2012 in Rom-St. Peter

Nahe am Grab des heiligen Petrus feiern wir diese Eucharistie. Als Lesung haben wir einen Bericht aus der Apostelgeschichte des Neuen Testaments gehört. Er erzählt über Petrus und über die Öffnung der christlichen Urgemeinde von Jerusalem über den Kreis des jüdischen Volkes hinaus hin zu Menschen aus anderen Völkern. Mit Petrus hat diese Öffnung im Heiligen Land begonnen. Sie war von Konflikten begleitet, aber schließlich war sie siegreich.

Vor allem der Apostel Paulus hat ihr eine zusätzliche große Dynamik gegeben. Die Wege beider Apostel haben hier in Rom, im Zentrum des Römischen Imperiums, ihre Vollendung gefunden. Dieses Zentrum wurde so auch der Mittelpunkt der globalen christlichen Kirche. Das von Petrus und Paulus hier gelegte Fundament trägt durch alle Stürme und Brüche der Geschichte hindurch bis heute und wird auch in Zukunft tragen.

Aus der kleinen Urgemeinde von Jerusalem ist längst eine Weltkirche geworden und inmitten von mehr als zwei Milliarden Menschen, die durch die Taufe zu Christen geworden sind, ist die katholische Kirche mit dem Nachfolger des Apostels Petrus an der Spitze und mehr als einer Milliarde Katholiken so etwas wie die große starke Mitte zwischen den Kirchen des Ostens und den Kirchen, die aus der protestantischen Reformation hervorgegangen sind. Ein Präsident des berühmten Club of Rome hat vor Jahren gesagt, dass die katholische Kirche das älteste Globalinstitut der Erde ist mit einem Propheten an der Spitze. Er hat dies im Blick auf Papst Johannes Paul II. gesagt, aber Papst Benedikt XVI. setzt diesen Weg als globaler Denker, als Interpret der Gegenwart und als Wegweiser in die Zukunft der Kirche und der Menschheit hinein fort.

Prophetisch war besonders auch Papst Johannes XXIII. durch die Einberufung des II. Vatikanischen Konzils und durch seine Enzyklika „Pacem in terris“. Diese Enzyklika hat die Herzen vieler Menschen weit über die Kirche hinaus bewegt und sie ist nun nicht nur ein Dokument für gestern, sondern auch für heute und mprgen und daher auch das Generalthema für die diesjährige Plenarsitzung der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften.

Im Evangelium der heutigen Eucharistiefeier nach Johannes ist von einem guten Hirten und von seinem Umgang mit den Schafen die Rede, die ihm anvertraut sind. Jesus gebraucht im Johannesevangelium große elementare Symbole, um zu erklären, wer er ist. Er nennt sich Licht der Welt, Wort und Wahrheit, Brot des Lebens, wahrer Weinstock und Quelle lebendigen Wassers. Er bezeichnet sich auch als den guten Hirten. Die Bibel spricht oft über den Dienst des Hirten und sie beginnt damit schon in ihrem ersten Buch, dem Buch Genesis. Dort wird erzählt, dass Kain seinen Bruder Abel getötet und dass er sich dann versteckt hat, um Gott nicht begegnen zu müsen. Aber die Stimme Gottes verfolgt ihn und fragt: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ Kain antwortet mit der provokanten Gegenfrage an Gott: „Bin ich denn der Hüter, der Hirte meines Bruders?“

Gott akzeptiert diese Antwort nicht und bestraft Kain, weil er nicht der Bruder, sondern der Feind seines Bruders Abel sein wollte. Ja, du bist der Hirte deines Bruders, deiner Schwester sagt die Bibel viele Male und sie erzählt von Menschen, die dies akzeptiert haben. Sie erzählt von Menschen, die wirklich Mitmenschen waren und nicht ein „homo homini lupus“. Jesus hat diesen Auftrag radikalisiert. Dies vor allem im Text der Bergpredigt. Er hat damit eine ethische, eine spirituelle Dynamik in Gang gebracht, die die christlichen Kirchen und besonders auch die katholische Kirche bewegt. Diese Dynamik kommt auch in den Grundsätzen der katholischen Soziallehre zu Wort und sie ist ein beständiger Impuls für das Denken und Tun der Päpstlichen Sozialakademie. Jeder von uns und auch wir alle gemeinsam sind berufen zum Dienst des Hirten nach dem Beispiel Christi, des guten Hirten, der für die ihm Anvertrauten eine gute Weide und Quellen frischen Wassers sucht. Möge uns auch die diesjährige Session dieser Päpstlichen Akademie dabei helfen.