Predigt am Ostersonntag, 24. April 2011 im Dom zu Graz

"Der Glaube, auch der Osterglaube lässt sich nicht durch Vernunft ersetzen, aber er widerspricht auch nicht der Vernunft." Zum Sparpaket: "Der Blick auf das Ganze und Augenmaß auf allen Seiten sollten hier hilfreich sein, um vermeidbare Härten auch wirklich zu vermeiden."

„Frohe Ostern“ haben viele Menschen einander in den letzten Tagen gewünscht. Man braucht kein Christ zu sein, um einen solchen Wunsch auszusprechen oder anzunehmen. Ostern ist ja auch ein Frühlingsfest. Die westliche Christenheit feiert es am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling, also in der Jahreszeit des Erwachens der Natur aus winterlicher Erstarrung. Vieles blüht jetzt in den Gärten, und auch in vielen Menschen wächst die Freude am Leben. Der Dichter Goethe, der dem Christentum im Ganzen eher fern war, hat in seinem dramatischen Hauptwerk Faust mit großer Kraft der Sprache einen Osterspaziergang  beschrieben, der Bewohner einer Stadt zur Entlüftung ihrer Kleider und Seelen hinausführt in die vom Eis befreite Natur. Von der Auferstehung Christi ist in diesem Ostergedicht aber nur nebenher die Rede.

 

Für entschiedene Christen ist Ostern einerseits ein Frühlingsfest, denn die Natur ist für sie ja ein Teil der Schöpfung Gottes. Der barocke Mystiker und Dichter Angelus Silesius hat diesem Thema daher eines seiner Vier-Zeilen-Gedichte gewidmet. Es lautet:

                        „Blüh‘ auf, gefror’ner Christ.

                        Der Mai steht vor der Tür.

                        Du bleibest ewig tot,

                        blühst du nicht jetzt und hier.“

Ostern ist für die Christen aber nicht vor allem ein Fest der Natur, sondern ein Fest der Geschichte, der Geschichte Jesu Christi. Darum lautet der Ostergruß der russischen Christen nicht „Frohe Ostern“, sondern „Christus ist auferstanden!“ Und die Antwort darauf lautet „Er ist wirklich auferstanden!“

 

Was aber bedeutet das? Viele unserer Zeitgenossen halten diese Botschaft für ein Märchen. Sie halten sie für zu schön, als dass sie wahr sein könnte. Aber bei vielen von ihnen schläft in der Tiefe ihres Herzens und erwacht auch manchmal der Wunsch, dass das menschliche Leben mehr sei als eine Spur im Sand, die schließlich für immer verweht wird. Dass es etwas Ewiges gibt für jedes menschliche Leben, gleichviel ob dieses Leben durch Glanz und Genialität ausgezeichnet war oder kärglich verlaufen ist.

 

Mit dieser oft leisen und verdrängten Hoffnung kann sich die christliche Osterbotschaft verbinden. Jesus ist nach christlicher Überzeugung der größte Mensch im Panorama der Welt- und Religionsgeschichte, weil er zugleich der menschgewordene Gott ist. Auch viele Menschen, die nicht Christen waren oder heute Christen sind, sehen in ihm im Blick auf seine Botschaft, zumal im Blick auf seine Bergpredigt die höchste Aufgipfelung des Menschseins.

 

Der russische Denker Wladimir Solowjow hat Jahre vor der Oktoberrevolution in einem Osterbrief gegen das Sich-Abfinden mit dem Tod geschrieben: „Die Wahrheit der Auferstehung Christi ist nicht allein eine Wahrheit des Glaubens, sondern auch eine Wahrheit der Vernunft. Wäre Christus nicht auferstanden, hätte Kaiphas recht gehabt, und hätten sich Herodes und Pilatus als klug erwiesen, so wäre die Welt eine Sinnlosigkeit, ein Reich des Bösen, des Truges und des Todes. Es handelte sich nicht um das Aufhören irgendeines Lebens, sondern darum, ob das Leben des vollkommenen Gerechten aufhören werde. Wenn solch ein Leben den Feind nicht überwinden konnte, was blieb dann noch für eine Hoffnung in der Zukunft? Wenn Christus nicht auferstand, wer konnte dann auferstehen? Aber Christus ist auferstanden!“ Soviel aus dem russischen Osterbrief.

 

Viele werden dem frommen und genialen Russen auf diesem Denkweg nicht folgen können. Der Glaube, auch der Osterglaube lässt sich ja nicht durch Vernunft ersetzen, aber er widerspricht auch nicht der Vernunft. „Möge es so sein, dass in der Weltgeschichte nicht immer der ungerechte Richter, sondern das unschuldige Opfer das letzte Wort hat, dass nicht immer die Menschenwölfe über das unschuldige Lamm triumphieren“, hat der agnostische Philosoph Max Horkheimer auch im Blick auf das Leiden und den Tod Jesu Christi gesagt. Horkheimer hat seine Sehnsucht nicht durch einen Sprung in den Glauben, in den Osterglauben, überwinden können, aber schon eine solche Sehnsucht gibt dem Leben eine neue, eine höhere Qualität.

 

Die christliche Osterbotschaft will aber nicht nur mitteilen, dass der Tod Christi nicht das letzte Wort hatte. Sie will bewirken, dass wir aus der Kraft dieser Botschaft unser Leben verändern: dass der Christus auch in uns auferstehen kann als verwandelnde Kraft für Hirn, Herz und Hand.

 

Ostern ist ja ein Fest des Lebens in allen seinen Dimensionen. Wenn wir entschiedene Christen sein wollen, dann müssen wir auch Freunde des Lebens sein und zumal Freunde des menschlichen Lebens in allen seinen Dimensionen: Freunde des geborenen und des noch nicht geborenen, des entfalteten und des behinderten, des irdischen und des ewigen Lebens.

 

Diese Freundschaft sollte auch zum Tragen kommen, wenn zum Beispiel jetzt in der Steiermark angesichts der unabweisbaren Notwendigkeit zum Sparen im Interesse zukünftiger Generationen um Prioritäten bei der Zuweisung finanzieller Mittel gerungen wird. Der Blick auf das Ganze und Augenmaß auf allen Seiten sollten hier hilfreich sein, um vermeidbare Härten auch wirklich zu vermeiden.

 

Liebe Christen, Ostern ist ein Fest gegen eine negativ wirkende Schwerkraft in Leib und Seele. Wenn wir dem auferstandenen Christus in unserem Leben Raum geben, dann wachsen uns Flügel gegen eine solche Schwerkraft. Dann wird Ostern mehr sein als ein zwar schöner, aber bloß kultureller Brauch. Ich wünsche uns allen ein solches Osterfest.