Grußwort zur Eröffnung des vierten Seggauer Gespräches zu Staat und Kirche am 12. April 2012 auf Schloss Seggau

Ich heiße Sie, meine Damen und Herren, in diesem bischöflichen Haus Schloss Seggau herzlich willkommen. Dieses Schloss war ab der Mitte des 13. Jahrhunderts bis 1786 die Hauptresidenz der Bischöfe von Graz-Seckau. Es liegt an einer Schnittstelle, an der seit langer Zeit geografisch und historisch weitreichende europäische Kulturen einander oft spannungsreich, aber dominant synthetisch begegnet sind: die romanische, slawische, deutsche und ungarische Kultur. Aber schon in vorchristlicher und frühchristlicher Zeit haben Kelten und Römer im Raum Leibnitz und auf dem Berg oberhalb der Stadt Leibnitz gelebt und haben archäologisch gesicherte Spuren hinterlassen.

 

Neuerdings ist das Schloss Seggau mehr und mehr eine europäische Adresse geworden, weil hier auch nicht wenige international beachtete Tagungen stattfinden. Ich nenne als Beispiele nur die „International Summer School“ für jeweils ca. 80 Studierende aus 25 Ländern Europas, veranstaltet in Kooperation zwischen der Diözese Graz-Seckau, der Grazer Karl-Franzens-Universität und der Bischofskommission der EU-Länder – in Kurzform COMECE genannt –, wo ich seit vielen Jahren die österreichischen Bischöfe vertrete. Als zweites Beispiel nenne ich die renommierten Pfingstgespräche „Geist&Gegenwart“, veranstaltet vom Land Steiermark in Kooperation mit der Diözese Graz-Seckau.

 

Zu diesen Veranstaltungen zählen auch die „Seggauer Gespräche zu Staat und Kirche“, die uns heute und morgen zum vierten Mal hier versammeln. Sie sind jeweils aktuellen Fragen – „res mixtae“ – zwischen Rechtswissenschaft und Theologie gewidmet Das Thema der diesjährigen Tagung lautet „Religionsunterricht im Wandel der Gesellschaft“.

Kirche und Gesellschaft sind heute in Europa mit großen Herausforderungen konfrontiert. Die Suche nach nachhaltigen Lösungen kann im Ganzen aber nur gelingen, wenn sie nicht nur wirtschaftliche und politische Dimensionen umfasst, sondern auch ethische und zumal religiös inspirierte Werte. Der Einsatz für solche Werte ist ein Dauerauftrag für alle Verantwortungsträger in Politik, Wirtschaft und Kultur. Aber auch die Kirchen und alle ernsthaften Christen haben dazu Unverwechselbares beizutragen. Europa ist ja im Lauf der bisherigen Kirchengeschichte am längsten und fundamentalsten vom Christentum geprägt worden und seine christlichen Wurzeln tragen und nähren auch heute trotz aller Säkularisierung millionenfach.

 

Einen wesentlichen Beitrag dazu kann besonders auch heute der konfessionelle Religionsunterricht leisten, den die katholische Kirche in Österreich – aber auch die anderen gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften – in der Schule erteilen. Dieser Unterricht hat eine hohe Akzeptanz. So haben etwa in der Steiermark im Schuljahr 2010/11 97 % aller katholischen Schüler am Religionsunterricht teilgenommen. In seiner Vielfalt hat der Religionsunterricht integrative Funktion und fördert ein möglichst konfliktfreies Miteinander in einer multikulturellen und auch multireligiösen Gesellschaft. Er leistet durch die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, durch eine darauf bezogene Wissens- und Wertevermittlung und eine dadurch inspirierte Lebensgestaltung einen wichtigen Beitrag für die individuelle Persönlichkeitsbildung. Verlässliche Information bezogen auf die eigene Religion und die eigene Kultur, die hier jungen Menschen unter Achtung ihrer Freiheit vermittelt wird, schafft auch die Voraussetzungen für eine kompetente Gesprächspartnerschaft im interreligiösen oder multikulturellen Gespräch und für positive Beiträge zum Zusammenleben der Menschen in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Daher hat für uns als katholische Kirche der konfessionelle Religionsunterricht Vorrang vor einem staatlich angebotenen weltanschaulich neutralen Ethikunterricht.

 

Ein Forum wie dieses, an dem wir in den kommenden zwei Halbtagen teilnehmen werden, ermöglicht einen auch darauf bezogenen qualifizierten interdisziplinären Dialog. Ein wichtiges Ziel unserer Tagung ist es auch, das Gespräch und den wissenschaftlichen Austausch von Rechtsexperten mit jüngeren Wissenschaftlern zu fördern und Experten für die Zukunft heranbilden zu helfen. Ich freue mich über die Beteiligung solcher jungen Wissenschaftler an diesem Forum. Ich danke besonders Herrn Prof. Dr. Reinhold Esterbauer und Herrn Prof. Dr. Christoph Grabenwarter, die gemeinsam mit meinen Mitarbeitern dieses Gesprächsforum vorbereitet haben und begleiten.