Ein Orden - eine Stadt, eine Geschichte

Die Jesuiten sind wieder in Graz

Es hat sich bereits herumgesprochen in der steirischen Landeshauptstadt: Der Jesuitenorden ist wieder in der Stadt. Am 31. Juli wird aus der bereits 2007 errichteten  „Statio“ eine richtige „Kommunität“ mit einem eigenen Oberen. Diese wurde vom weltweit verantwortlichen Generaloberen, P. General Adolfo Nicolás SJ  eingerichtet, besitzt eine eigene Rechtspersönlichkeit und ist, im Gegensatz zu einer „Statio“, auf Dauer angelegt. Das Fest der Erhebung zur Kommunität wird am 13. Oktober um 18.00 Uhr in der Leechkirche gefeiert. Damit wird Graz wieder zu einem Schwerpunkt des Wirkens der Jesuiten in Österreich.

Das Haus in der Zinzendorfgasse

Im John Ogilvie-Haus in der Zinzendorfgasse 3, neben der Leechkirche, wohnen zur Zeit drei Jesuiten: P. Albert Holzknecht SJ, der zukünftige Obere der Kommunität, arbeitet als Studierendenseelsorger in der Katholischen Hochschulgemeinde Graz und Leoben. P. Martin Rauch SJ ist Studierendenseelsorger in der Katholischen Hochschulgemeinde Graz und P. Hannes König ist als Gefangenen- und Krankenhausseelsorger in der Landesnervenklinik Sigmund Freud tätig. Im Herbst wird noch ein weiterer Jesuit dazu kommen, P. Thomas Neulinger SJ, ein gebürtiger Grazer. „Da ich nun seit 1990 aus Graz weg bin, also seit mehr als zwanzig Jahren anderswo gelebt habe, ist meine Sendung durch den Provinzial nach Graz ein Weg in Vertrautes und Unvertrautes zugleich. Mit vielen Orten in der Stadt verbinden mich Erinnerungen und es gibt viele liebe Menschen, die ich seit meiner Kindheit kenne, gleichzeitig hat sich die Stadt sehr verändert, vieles schaut heute anders aus. Darum freue ich mich auf eine interessante und spannende Zeit“, schickt P. Thomas Neulinger SJ voraus.

Geschichte der Jesuiten in Graz

Ganze vier Mal wurde der Orden des Gründungsvaters Ignatius von Loyola, die „Societas Jesu“, aus Graz vertrieben oder siedelte, wie zuletzt 1957, wegen Personalmangels ab.
Die erste Niederlassung der Jesuiten in Graz wurde 1573 gegründet. Erzherzog Karl ergriff die Initiative, um durch Bildung die katholische Reformation durch das Konzil v. Trient (1545-1563), als Antwort auf die protestantische Reformation in der Steiermark voran zu treiben. Damals eröffneten die Jesuiten zunächst eine Schule, das „Akademische Gymnasium“, und 1585 die Grazer Universität. Der heutige Dom war damals die Jesuitenkirche, und das heutige Priesterseminar das damalige Jesuitenkolleg. Zu den Studenten dieser Hochschule gehörte auch der hl. John Ogilvie SJ, nach dem die jetzige Niederlassung in der Zinzendorfgasse benannt ist.

Hl. John Ogilvie

Der Heilige wurde 1579 als Sohn eines einflussreichen Adeligen in Schottland geboren. Mit 17 Jahren wurde er in die katholische Kirche aufgenommen und trat 1599 in den Jesuitenorden ein. Nach seiner Priesterweihe wirkte er zunächst drei Jahre lang als Studentenseelsorger in Frankreich, bevor er nach Schottland ging, um verfolgten Katholiken als Seelsorger beizustehen. 1614 wurde er verhaftet, da er den König nicht als Oberhaupt der Kirche anerkannte, wegen Hochverrats zum Tod verurteilt und am 10. März 1615 öffentlich hingerichtet.

Aufhebung – Wiederkehr

1773 wurde der Jesuitenorden durch Papst Klemens XIV. gänzlich, zuvor bereits in Frankreich, Spanien und Portugal ausgewiesen, wegen eines territorialen Konflikts aufgehoben, wodurch das Wirken des Ordens in Graz vorerst ein Ende fand. Nach der Wiedererrichtung 1814 wurde 1829 das Noviziat (die Ausbildungsstätte für die ersten Jahre im Orden) nach Graz verlegt. Im Zuge der Revolution 1848 kam es zur Verbannung der Jesuiten aus Österreich. 1852 wurde der Orden in Österreich wieder offiziell zugelassen. Nach Graz kehrten die Jesuiten erst 1886 zurück, als zwei Jesuiten die Stiegenkirche übernahmen. Im November 1939 kam es zur Enteignung von Haus und Kirche durch die Nationalsozialisten. Nach Beendigung des Krieges verfügte die sowjetische Kommandatur, dass alle enteigneten Gebäude den rechtmäßigen Besitzern zurückzustellen sind, und so kamen die Jesuiten erneut zurück nach Graz. 1957 aber musste die Residenz schließlich aus Personalmangel aufgelöst werden; genau 50 Jahre später (2007) kam es zur vierten Wiederkehr der Jesuiten nach Graz, zunächst in Form einer von der Niederlassung in St. Andrä im Lavanttal abhängigen Statio, jetzt aber als echte und eigenständige Kommunität.